23. Oktober 2017

 

Nach vier Nächten im Touristenloch San Pedro, ist es Zeit die Sachen zu packen und weiterzuziehen. Wobei wir mit unserem Refugium Takha Takha echt einen goldenen Treffer gelandet haben. Warum auch immer, das Mädel an der Rezeption gab uns mehr Rabatt für die Übernachtungen als der Chef und der Platz war auch sonst prima. Bis auf den Staub. Aber das ist nun einmal so ein einer Wüste.

 

Raus aus San Pedro in Richtung bolivianischer Grenze. Vorher noch bei chilenischer Grenzkontrolle und Zoll ausgestempelt, ging es hoch in die Berge. Bei der abgelegenen Grenzstation schafften wir es gerade noch vor der Mittagspause durchzuschlüpfen. Und wir waren in Bolivien. 

Fünf Kilometer weiter dann der Zoll, das Übliche. Stempel hier, Papiere da. Durch die Schranke, denkste. Zunächst waren 150 Bolivianos für die Einreise über die Lagunenroute zu entrichten.

 

Die Lagunenroute. Vor der alle warnten: Tiefsand, schwierige Pisten viel Schotter. Nachts kalt und wunderschöne Lagunen.

 

Die Strecke war soweit ok. Lediglich die Waschbrettpisten nervten. Alles klöterte, alles schepperte. Ab etwa

80 km/h ging es. Doch dann sollte keine böse Überraschung auftauchen. Weder plötzlich tiefer, weicher Untergrund, kein Lama, kein Auto, am besten nichts.

Und mein Sturz bei der Sol de Maniana hätte nicht sein müssen. Auch nicht als King of Crash.

Leider legten sich mir ein paar Steine in den Weg und Frau Katies Heck flog schneller weg als ich den Lenker loslassen konnte. Das Motorrad nicht mehr unter dem Allerwertesten gab ich noch Gas. Der Schaden übersichtlich, Verletzungen keine. Frau Katie trägt jetzt ein paar mehr sehr tiefe Kratzer am Tank, der linke Handprotektor muss mit einem Hammer gerichtet werden und der Motorschutz hat auch gute Arbeit geleistet. 

 

Bis zur Laguna Colorado kamen wir. Beim Fotostop fuhr ich noch etwas weiter. Irgendwo hier sollte eine Unterkunft sein. Dort angekommen wartete ich auf die anderen beiden. Doch es kam niemand. Außer der omnipräsenten Toyota Landcruiser mit den Lagunentouristen.

Also zurück. Doch von Daniel und Christian keine Spur. Das war jetzt wirklich komisch. Beim Umdrehen entdeckte ich sie am Ufer der Lagune. Durch die Böschung runter sah ich warum die beiden da standen. Flamingos wateten in der Lagune. 

Nach ein paar Fotos war es Zeit weiterzufahren. Christian vorneweg, dann Daniel, der nach ein paar Metern stehen blieb und ein Kreuz in der Luft zeichnete. Oh oh...

Des Rätsels Lösung: Der erste Plattfuss der Tour. Ein Stein hatte durch den neuen Vorderreifen ein Loch in den Schlauch gestanzt. Also Rad raus, Schlauch getauscht und ab durch den Schotter zur Unterkunft. 

Die war eine einfachste Hütte mit Betten, Toiletten und einer Dusche, deren Warmwasserproduktion aus einer Gasflasche mit getapten Leitungsverbindungen keiner so recht ausprobieren mochte.

Fazit des Tages: So schlimm war das ja nun alles nicht.

 

 

 

 

 

24. Oktober 2017

 

Der Tag begann kalt im strahlenden Sonnenschein. Auf einem dicken Holzbrett vor der einfachen Unterkunft fauchte nach einigen Versuchen der Kocher, das Wasser schlug Blasen, Kaffee. Ohne Milch, dafür schön heiß. In der Lagune standen rosafarbene Flamingos. Ein Bild der Ruhe. Kein Geräusch drang zu uns, vom vereinzelten Kreischen einiger Möwen abgesehen. Was für eine Ruhe.

 

Nach dem zähen Zusammenpacken von Schlafsäcken, Klamotten und Kochgeschirr ging es weiter. Ein Kontrollposten in Sichtweite unserer Unterkunft, ab da waren wir uns selbst überlassen. Kaum durch die Schranke empfing uns knöcheltiefer Sand. Im Stehen, den Hintern nach hinten auf die Packrolle, den Gashahn weit geöffnet schlingerten und pflügten wir durch das weiche Zeug. Immer wieder wechselte sich der lose Untergrund mit Waschbrettpiste ab. Das Gerüttel ging durch Mark und Bein. Erfahrene Endurofahrer zucken angesichts der Schilderungen vermutlich mit den Achseln. Mir ging der Kram gewaltig auf den Zeiger. Ständig schlingernd, das Motorrad eigentlich permanent im Sturzmodus oder auf der Rüttelplatte, das hatte für mich etwas Zermürbendes. Aber nichts Schönes.

Irgendwann wechselte die Farbe des Sandes von Grau zu Gelb. 

Später, im weichen Sand der kommenden Dünen freute ich mich über diese Steinfelder, gaben sie doch den Reifen einen Ansatz von Traktion.

 

Zunächst kam noch üble Rüttelpiste, die mich zu diversen unschönen Verwünschungen Boliviens verleiteten. Details bleiben ein Geheimnis zwischen meinem Helm und mir. Nur soviel: Mir tat Frau Katie leid. Solche Prügel hat auch eine Enduro nicht verdient.

 

Was nun kam war feinerer Sand, durchsetzt von schieferartigen Steinen. Mit scharfen Kanten ragten die flachen Steinplatten aus dem Sand und banden sich schon einmal das Lätzchen um, in freudiger Erwartung unserer armen Reifen. 

Wir folgten den Spuren der Touristenkutschen, Toyota Land Cruiser aller Baujahre, in der Regel schwer bepackt mit Touristen und ihren Siebensachen. Der Sand wurde feiner, die Spuren tiefer. Erfahrungsarm wie ich nun war versuchte ich eher in den Spuren als daneben im Sand zu fahren. Einem Bogen nach links folgend, tauchte die erste etwas höhere Düne vor uns auf. Die anderen beiden zogen am Gasgriff und pflügten durch den Sand nach oben. Muss ja gehen, dachte ich. Ging auch. Bis etwa zur Hälfte. Da fiel mir auf, dass der dritte Gang einer zu hoch war und Frau Katie die Puste auszugehen drohte. Beherzt runtergeschaltet, Gas auf und die Fuhre machte einen engen Bogen nach links. Strauchelnd und quer zum Hang kamen wir zum Stehen. Absteigen, Schnappatmung in 4500m Höhe, großer Mist. Anfahrversuche endeten mit einem eingegrabenen Hinterrad. Es gab kein Vor und kein Zurück.

Eigentlich hätte ich umdrehen und einen neuen Versuch starten müssen. Dazu fehlte mir aber in dem Moment einfach die Kraft. Schnaufend wie eine Dampflock stand ich da und verfluchte meine missliche Lage.

Christian kam mir zu Hilfe und brachte Frau Katie nach oben. -Ja, ich habe es nicht hinbekommen. Keine Chance in dem Moment. 

 

Oben angekommen sah ich bereits den nächsten großen Sandhaufen. Nützt nichts, weiter. In die Senke davor folgte ich wiederum tiefer werdenden Spuren der Geländewagen. In einer Rechtskurve am Fuße der Düne verhakte sich das Vorderrad im seitlichen Sandwall der Fahrspur, ich flog einmal mehr in den Dreck. Das Navi zeigte noch 170km bis zum Tagesziel... Was für eine Aussicht. Auch hier kam mir Christian wiederum zu Hilfe. Mittlerweile kamen mir erste Zweifel an unserem Tun. Doch ein Zurück gab es nicht. 

 

Der Hinweis statt in den Spuren daneben im vermeintlich tiefen Sand zu fahren, war letztlich die Lösung. Bergab verhalten, bergauf gleichmäßig mit viel Gas kämpfte ich mich fortan über Sandhaufen und Steinfelder. Es lief tatsächlich. Der Atem wurde ruhiger, die Anspannung ließ etwas nach. Immer weiter fuhren wir in die sandige Weite der Wüste. Die Spuren der Geländewagen verschwanden, unberührte Sandfläche vor uns. Mit viel Schlupf am Hinterrad ging es durch den Sand.  Irgendwann der Blick auf die Navis. Es waren immer noch über 150km zu absolvieren. Das Fahren im offenen Sand war zwar einfach, doch spritfressend. Unsere Reichweite hatten wir mit konservativen 400km kalkuliert, in San Cristobal als Tagesziel war die nächste Tankstelle verzeichnet. Müsste passen. Doch wird in Bolivien nicht immer und wenn dann in der Regel deutlich teurer als an Einheimische, der Sprit an Touristen verkauft.

 

Ok. Zurück auf den Pfad der Touristen. Der war denn auch recht bald wieder gefunden. Wieder Sand oder Waschbrettpiste im munteren Wechsel. Bei mir machte sich Erschöpfung breit. Frühstück war ausgefallen. Rückblickend keine besonders clevere Idee.

Immer weiter ging die teils üble Waschbrettpiste, die beim Eintauchen des Vorderrades dieses regelecht abbremste. Bei feinem Waschbrett werden die Erschütterungen ab einer bestimmten Geschwindigkeit immer weniger. Hier war die Länge der Täler teilweise so groß, dass ein Rad komplett hineinpasste. Das Gerüttel ließ den Helm tanzen, das Sichtfeld vibrierte. Ich hasste diesen verfluchten Weg inständig und mit Hingabe.

 

Irgendwann änderte sich der Weg. Die "Straße" war an mehreren Stellen vor kurzem freigeschoben worden. Dafür warteten hinter Kurven immer wieder tiefe Sand- und Kiesfelder. Eins davon so tief, dass nicht nur ich ins Straucheln geriet.

 

An einer Felsformation hielten wir an, um den Packtaschen etwas Essbares zu entlocken. Der Wind pfiff um die Felsen, den Kocher hier zum Brennen zu bekommen könnte interessant werden. Der Blick auf die Karte verriet eine asphaltierte Straße in Reichweite. Ok. Planänderung. Beim Erreichen der Straße der erlösende Hinweis: Restaurant, Banjos, juchu!!!

 

Einen Kilometer weiter ein Süßwasserteich, Alpakas grasten, ein Restaurant. Irgendwo im Nirgendwo. Menü des Tages: Lama mit Reis. FLEISCH!!! Endlich! Kaffee gab es auch. Und intakte Toiletten neben einer... Dusche. Wow. Soviel Luxus in dieser Einöde, das überstieg unsere kühnsten Erwartungen. 

 

Schnell war der Entschluss gefasst nicht in San Cristobal, sondern gleich in Uyuni den Tag zu beenden. Die Aussicht auf ein Hostel oder Hotel waren zu verlockend.

 

So fuhren wir weiter. Die Straße ein Wechsel aus festgefahrenem Lehm oder Sand, hin und wieder Fragmente von Asphalt, LKW mit großen Staubfahnen, so erreichten wir San Cristobal und damit unseren ersten Tankstopp in Bolivien. Das zähe Verhandeln mit dem Spritknecht endete bei 6,50 Bolivianos. Wir tankten etwa 60 Liter in die drei Motorräder. 390 Bolivianos sollten wir zahlen. Das Preisfeld der Säule zeigte 245 Bolivianos. Das wäre der Preis für Einheimische. Egal, unsere Mopeds hatten wieder Saft für ein paar hundert Kilometer. Auch wenn etwas Leistung fehlte.

 

Uyuni erreichten wir am späten Nachmittag. Das Dakarmonument im Stadtzentrum und wir mit unseren verstaubten Klamotten und den Motorrädern davor erregte die Neugier einiger Touristen und Einheimischer. Nur ein Hostel mit Garage für die Motorräder, das war nicht in Sicht. Nach kurzer Suche war auch das gefunden. Die nächsten zwei Nächste in Betten zu schlafen, mit Toiletten, Dusche und Warmwasser, was für eine Perspektive. Und das Ganze für umgerechnet etwas über 20€ pro Nacht im Dreibettzimmer. Fast wie Weihnachten...

 

Rückblickend muss ich sagen, dass ich von den vielen Lagunen kaum etwas mitbekommen habe. Die Fahrerei verlangte von mir ein so hohes Maß an Konzentration, dass ich links und rechts kaum wahrnahm. Das Handy war nicht geladen, somit fehlte die "Schnellkamera". Die normale Kamera blieb die meiste Zeit in ihrem geschützten Zufluchtsort, dem Tankrucksack. Schade. Ich glaube die Lagunenroute muss ich auf vier Rädern wiederholen.

 

26. Oktober 2017

 

Ein chronologischer Bruch. Oh Gott. Aber mal ehrlich. Zwei Tage abhängen in Uyuni sind nun nichts, um hier Platz zu verschwenden. Es war nett mal wieder eine kurze Pause gehabt zu haben, aber das war's auch.

 

Nach den besagten Ruhetagen ging es raus auf den Salar de Uyuni, den größten Saltflat der Welt. Klingt nach einem weiteren Superlativ in einer Welt, die voll davon ist. -"Der Megasuperduperstaubsauger wartet auf Sie beim großen Elektrodiscounter." Auch so ein Superlativ.

Doch der Salar ist super. Absolut super. Die Anfahrt vorbei an den staubigen Touristenneppbuden (wer bitte stellt sich ein Lama in Lebensgröße aus Salz in die Bude???).

Über die leicht matschige "Membranschicht" am Rande des Salar führt der Weg auf das ewig weite Salz. Nicht der Weg. Zig Wege.Touristen werden auf Tagestouren in Land Cruisern aller Baujahre, immer mit großem Benzinmotor und zig Galonen Sprit auf dem Dach auf den Salar gekarrt. Schirmchen raus, Klapptisch raus, "das ist der Salar!". Und Retour. Tolles Programm. 

 

Unser erster Anlaufpunkt war das Dakarmonument. Ohne GPS hätten wir es vermutlich nicht gefunden. Der Salar ist so riesig, dass vom Rand außer weißer Weite nichts zu sehen ist. 

 

Dort angekommen, wollten wir eigentlich nur ein paar Bilder von uns und den Motorrädern davor machen. Doch dazu kam es nur bedingt. Plötzlich stürzten eine Horde kichernder Mädels auf uns zu. Jede wollte mit jedem von uns vor dem Monument fotografiert werden. Es war eine witzige, aber auch schräge Situation. Wir waren uns nicht sicher, ob man uns mit Teilnehmern der Dakar verwechselte?

 

Das Fahren auf dem Salz ist für den Kopf anfangs schwer zu fassen. -Weiß, glatt ist Eis. Eis ist rutschig und kalt. Langsam fahren, sonst kracht's. Salz ist auch weiß, Griffig wie rauher Asphalt und das Fahren darauf ist wie auf der Autobahn. Unglaublich. Irgendwann tauchen Inseln im Blickfeld auf. Man fährt darauf zu, doch die Inseln scheinen nicht näher zu kommen.

 

So steuerten wir nach dem Monument auch die zweite, westlicher gelegene Insel an, um vor ihr unsere Zelte aufzubauen. Die Sonne brannte, das Licht und die Weite hatten einen surrealen Touch. Außer ein paar kleinen Vögeln waren keine Zeichen von Leben zu erkennen. Absolute Stille.

 

Leider war das Salz auch die absolute Härte. Zu hart für unsere Zeltheringe. Mein Zelt war darüber nicht so glücklich als mit dem Untergang der Sonne auch böiger Wind aufkam, der nach Kräften daran zerrte. Einer nach dem anderen fiel einfach um. Lautes Flattern war die Folge. Die Ruhe wurde gestört.

Mit dem Untergang der Sonne fielen auch die Temperaturen. Unglaubliches Licht breitete sich aus. Das Gehirn hatte Schwierigkeiten die Bilder, die die Augen sendeten, zu erfassen. Nirgends sonst habe ich eine solche Weite, so ein Licht und Raum schon einmal gesehen.

 

Die Nacht legte sich über den Salar und wir uns in die Zelte. Kühl war es, ja. Aber nicht so kalt wie befürchtet. Am frühen Morgen trieb mich das Licht des neuen Tages aus dem Zelt. Und wieder. Das Bild, das sich mir offenbarte war selbst mit der Kamera schwer einzufangen. 

 

Leider hatten die anderen beiden die Nacht nicht so gut überstanden wie ich. Verdammte Fertignudeln. Um Aufwand, Wasser und Zeit zu sparen, hatte ich vorgeschlagen die Dinger mit auf den Salar zu nehmen. War kein so guter Vorschlag. Beide ließen sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen. 

Nach dem Abbau unserer Siebensachen, rollten wir los, zurück in Richtung Uyuni. Einhundertzwanzig Kilometer, davon hundert über das Salz. 

 

 

27. Oktober 2017

 

Nachdem die Motorräder eine wohlverdiente Dusche bekommen hatten, um all das Salz abzuspülen, das sich überall abgesetzt hatte, war Futterfassen in Uyuni angesagt. Eine Riesenpizza mit viel Käse. Fantastisch. Und typisch bolivianische Küche...

Das war uns aber in dem Moment egal. Nach dem schiefgelaufenen Cupnudelexperiment war uns nicht mehr so sehr nach Experimentieren. Dazu frisch gepresster O-Saft, das Leben kann so schön sein. 

Christians Lebensgeister erwachten auch so langsam wieder. Zeit Pläne zu schmieden. Der Tagesplan sah denn auch vor noch schnell die 200km nach Potosi unter die Reifen zu nehmen. Hostel und Route waren bereits festgelegt und die Navis gefüttert. Die Straße zur Abwechslung auch gut asphaltiert, das sollte kein all zu harter Ritt werden.

 

Also schwangen wir uns raus aus Uyuni und auf in die Berge. Irgendwann schlug der Schlafmangel bei Christian zu. Also wechselten wir die Reihenfolge und ich fuhr voraus. Irgendwann in den Bergen verlor ich die anderen beiden aus dem Rückspiegel. Warten und... Nichts passierte. Also zurück. Die anderen beiden standen am Straßenrand. Christians KTM zeigte Alarm aus dem Maschinenraum. Zu warm... Mist. Schon wieder! Das hatte die Gute in letzter Zeit öfter mal, ganz im Gegensatz zu meiner baugleichen Maschine.

 

Also langsam weiter. Und wieder verlor ich die beiden aus dem Rückspiegel. Kurze Zeit später kamen sie angerollt. Wieder war Christians Maschine am kochen. Irgendwo im Nirgendwo mit einer Herde Alpakas am Straßenrand.  Der Ausgleichsbehälter  war voll. Also Wasserpumpe defekt? Ohne sie zu öffnen keine Diagnose möglich. Wir entdeckten, dass die rechte Seite inklusive des Hinterrades mit Kühlwasser aus dem Überlauf besudelt war. Aber warum war der Ausgleichsbehälter voll??? Des Rätsels Lösung: Der Kühler war leer. Deshalb lief auch der Lüfter ständig und die Anzeige war rot.

Und nun? Wasser auffüllen und weiter beobachten.

 

In Postosi im Hostel Eucalyptus www.koalabolivia.com.bo angekommen, ging es zunächst auf den Parkplatz. In der Lobby.

Danach weiter ans Eingemachte. Zusatztank runter, Zündkerzen raus und... Wasser im Zylinder. Mit einem Kabelbinder konnten wir davon einen "Abstrich" nehmen. Das Wasser schmeckte süß. Bingo. Frostschutz. Das war definitiv Kühlmittel. Also hat entweder die Zylinderkopfdichtung einen weg oder der Zylinderkopf selbst ist gerissen. Nicht schlecht für ein neues Motorrad mit weniger als 10000km auf der Uhr. Was tun? Die Maschine ist noch innerhalb der Herstellergarantie. Also sollte sich ein KTM-Vertragshändler der Sache annehmen. Hier in Südamerika, wo deren Dichte nicht übermäßig ist, kein all zu einfaches Unterfangen.

 

Nach einiger Recherche steht unser nächstes Ziel fest. Mit der kühlwasserdürstenden Maschine werden wir die 600km nach Santa Cruz angehen. Es bleibt spannend...

28. Oktober 2017

 

Auf ging es. In Richtung Santa Cruz. Unser Zwischenziel für den Tag war Aiqile. Rund 300km, asphaltierte Straße, sollte machbar sein. Der Asphalt der Route 5 stellte sich als erstaunlich gut heraus und bot -Motorradfahrers Traum- viele Kurven. Eigentlich fast ausschließlich Kurven. Traumhaft. Zur Abwechslung in Schräglage fliegen ohne Furcht abzufliegen. Selbst mit dem Sandluftdruck von 1,2 bar ging das noch erstaunlich gut.

 

Als sich am Himmel dunkle Wolken abzeichneten war es Zeit die Lüftungsluken unserer "Rüstungen" zu schließen. Es wäre der erste Regen auf unserer bisherigen Reise.

Der Regen blieb aus. Stattdessen kreuzten wir eine Schneise, durch die ein heftiger Schneeschauer gezogen war. Ein ziemlich bizarres Bild. Die Folge waren Pfützen die so tief waren, dass Frau Katie mit Freischwimmübungen begann. Auch schön... Rutschen mal nicht auf Sand oder Schotter.

 

Kurze Zeit später das gewohnte Bild: Sonne und blauer Himmel. Gut gelaunt kamen wir um eine Rechtskurve gebraten, als sich im Tal vor uns Chaos auftat.

Autos, LKW, Pickups, die ganze Bandbreite stand kreuz und quer verstreut über die Straße. Wir schlängelten uns durch, so gut es ging. Eine Unfallstelle? In der Ferne stieg Rauch auf. Doch warum werden am Straßenrand vor einer Unfallstelle Essen und Getränke verkauft??? Eine bizarre lokale Eigenheit?

Unter Geplärr löste sich ein Fahrzeug mit mehr Krach als Geschwindigkeit aus einer Staubwolke und damit auch das Rätsel: Eine lokale Rallyeprüfung fand vor uns statt. Dann sperrt mein einfach mal eine Straße. Die einzige größere Straße in der Gegend. 

 

Ein Pfiff ertönte und alles stürzte zu den Fahrzeugen. Wildes Gehupe, alles kam in Bewegung. Wir nutzten die Gelegenheit und schlängelten uns bis zur Spitze der Blechlawine hindurch, um... wieder angehalten zu werden. Falscher Alarm. Ein paar Unifmormierte wiesen uns an die Motoren abzustellen. Wenigstens standen wir nun in der ersten Reihe.

 

Runde um Runde wüteten die geprügelten Boliden vor uns durch Staub und Dreck, nicht müde werdend ihre Anbauteile in der Landschaft zu verteilen.

 

Uns lief die Zeit davon. Immerhin hatten wir noch 200km vor uns und es war bereits später Nachmittag. Irgendwann löste sich das Chaos auf und weiter ging es. Die Straße zog sich zäh wie Kaugummi. Wir passierten Ortschaften mit Lehmhütten, Tieren am Straßenrand und immer wieder LKW, die sich schwer beladen Steigungen empor kämpften. Keine Möglichkeit irgendwo einen Platz für die Nacht zu finden. Und die verbliebenen Kilometer wollten nicht weniger werden. Schnell machte die Dämmerung der Dunkelheit Platz. Zeit alle Leuchtmittel anzureißen, die wir mit uns führten.

Zum Glück hatte ich mich bei der Zusammenstellung meines Motorrades für einen kleinen, aber der Dunkelheit gegenüber gemeinen Scheinwerfer entschieden. Das Serienlicht von Frau Katie vermag lediglich einen romantischen Schimmer auf die Straße zu werfen. Fernlicht bringt dabei lediglich eine Verschiebung der schummerig beleuchteten Fläche, nicht jedoch mehr für die Augen nutzbares Licht auf der Straße.

 

Mit diesem kleinen, gemeinen Feind der Nacht war das Fahren dagegen sehr entspannt. Und das war gut so. Denn wir hatten noch gut ein Drittel der Tagesgesamtdistanz vor uns.

 

Irgendwann erreichten wir Aiqile. Gefühlt Mitternacht, belehrte der Blick auf die Uhr, dass es gerade kurz nach acht Uhr abends war. Das im Navi gefundene Hotel bot alles, was wir brauchten. Abgeschlossener Parkplatz für die Motorräder, Betten, Duschen, perfekt. Der Streifzug über die Hauptstraße brachte auch noch Hühnchen mit Reis. Dabei fiel uns ein, dass wir seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatten.

 

Feierabend.

 

 

29. Oktober 2017

 

Von Aiqile ging es weiter nach Santa Cruz, die Route 5 entlang. Der gute Asphalt des Vortages endete jäh und eine ewig lange Baustelle war für die nächsten 50 und etwas Kilometer unsere Bühne. Die Geschwindigkeit sank schlagartig. Loser Split auf Sand fuhr sich wie Reifen ohne Luft. Einmal hielt ich tatsächlich an, um mich zu vergewissern, dass ich keinen Patten hatte.

 

LKW schleppten sich schwer beladen über die staubigen, gewundenen Pisten. Staubwolken hinter der nächsten Biegung kündigten sie an. Beim Passieren umhüllte uns eine Wolke aus feinem Staub und Ruß. Unsere verwöhnten heimischen Meckerökos sollten mal hierher kommen, statt im Reinraum deutscher Städte panisch Alarm zu schlagen! In Potosi war der Dreck in der Luft so übel, dass mir die Augen brannten, als hätte ich Salz appliziert. Da kann man manchmal nur über diese künstlich gehypte Panikmache daheim staunen...

 

Nach längerer Fahrt änderte sich die Landschaft merklich. Die ausgetrocknete Gegend wurde grüner und grüner. Nach Wochen in der Wüste ein Fest für die Augen. Auch die Temperaturen änderten sich merklich. Es wurde warm. Und schwül. Wo vorher nackte Berge in den Himmel ragten, bedeckte Grün die Landschaft. 

Als ob mich die Wüste noch einmal an ihre Existenz erinnern wollte, tauchte plötzlich ein Geier mit rotem Kopf rechts in meinem Blickfeld auf. Er hatte wohl seine Steiggeschwindigkeit falsch berechnet. Um ein Haar hätte ich ihn im Visier hängen gehabt. Letzte Grüße aus der Wüste...

 

60km vor Santa Cruz wurde der Verkehr merklich dichter. Wieder kilometerlange Baustellen mit verengter Fahrbahn. Gefahren wurde überall wo halt Platz war. 

 

In der Dämmerung erreichten wir die Stadt. Der Verkehr war "interessant". Busse und Autos drängelten sich vor den roten Ampeln, um immer ein paar Sekunden vor dem Umschalten auf Grün loszufahren. Die effektive Ausnutzung auch solcher Lücken, die gar nicht vorhanden sind wird durch den exzessiven Einsatz der Hupe begleitet. Doof, dass meine Blinker noch immer nicht funktionierten. Sand blockierte den Schalter. Anschalten ging noch. Ausschalten nicht mehr.

 

In der Nähe des KTM Händlers fanden wir ein Hostel. Mit Pool! Und Hängematten!!! Unglaublicher Luxus. Leider nur für zwei Tage, dann ist der Laden komplett ausgebucht. Ob die havarierte KTM bis dahin wieder fit ist?

 

 

 

 

 

02. November 2017

 

Wir hängen immer noch in Santa Cruz fest. Das La Jarma Hostel stellte sich als prima Wahl heraus. Immer wieder.

 

Zwischenzeitlich haben wir die Gewissheit, dass die Zylinderkopfdichtung von Christians Maschine nicht mehr das tat, was sie eigentlich sollte. 

Zusammen mit den Mechanikern von Andar Motors, eigentlich einem BMW-Händler, der seit zwei Jahren auch KTM vertreibt, haben wir den Kopf demontiert. Was da zum Vorschein kam, habe ich so auch noch nicht gesehen. Die Kühlwasserkanäle waren teilweise durch die Beschichtung der Dichtung blockiert. Der Kolben dick mit einer Kohleschicht bedeckt, die offensichtlich durch eindringenden Frostschutz zwischen den beiden Einlassventilen herrührt. -Zucker, der verbrannt wird, verkohlt. Nur dass Kohle in der Menge eigentlich nichts zu suchen hat.

 

Nach ewig langem Hin und Her wurde endlich die Garantiezusage erteilt. Nun ist der Kopf ab doch die Dichtung fehlt. Jeder erzählt etwas anderes, immer wieder viel Bedauern, Zusagen, doch bis etwas passiert dauert es...

Angeblich kann jetzt eine Kopfdichtung aus Österreich besorgt werden. Dauer: 6-10 Tage. Bis sie beim Händler ist. Plus X. Plus Einbau.

 

Damit ist Christians Ansatz ganz Südamerika via Facebook abzugrasen, um bei KTM Händlern in anderen Ländern die Teile zu bekommen nur konsequent. Parallel dazu noch ein Teil über private Kanäle aus Deutschland zu besorgen, sollte irgendwann zeitnah zum gewünschten Ergebnis führen. Dass die Kiste wieder knattert!

 

Ich habe die Gelegenheit genutzt, um meine Frau Katie auch gleich beim Service abzugeben. Ölwechsel, Ventilspiel kontrollieren, das alles was nach 10000km fällig ist. Zwar hat Frau Katie erst 8000km auf dem Zähler, doch nach den schwierigen Einsatzbedingungen der letzten Wochen hat sie sich das verdient. Allein die Terminvereinbarung hat zwei Tage gedauert. Vorgestern sollte ich um 10:00 Uhr vor Ort sein. Da wusste aber keiner etwas mit meinem Motorrad anzufangen. Gestern Morgen konnte ich sie dann abgeben. Gestern Abend dauerte die Abholung mit Rechnungsstellung auch nur noch zwei Stunden. Die Uhren hier laufen langsamer. Daran muss sich der getaktete Nordeuropäer einfach anpassen. Andere Länder andere Sitten.

 

Zwischendurch lernten wir ein Holländerpärchen kennen. Beide total verrückt, aber echt witzig! Eines Abends tauchten sie mit einem Gürteltier auf. Der arme Fred hatte bereits das Zeitliche gesegnet und seine Überreste wurden auf einem hiesigen Markt verhökert. Die Viecher bevölkern das Amazonasgebiet zu Tausenden. Und werden von den Einheimischen auch ganz selbstverständlich verspeist. Nach zwei Stunden auf dem Grill, begleitet von interessanten Geruchsnoten, war es soweit. Der gute Fred schmeckte wie ein vierbeiniges Hühnchen! Gar nicht schlecht. Gewöhnungsbedürftig war lediglich, dass man das Huhn vorher aus einem Panzer pellen musste... Wieder was gelernt.

 

Unklar ist derweil noch wann es für uns weitergeht und wie. La Paz und auf dem Weg die "Death Road" stehen auf dem Zettel. Nur wann und wie?

 

 

03. November 2017

 

Endlich scheint es weiter zu gehen. Gestern waren wir auf Einladung von Eric https://de-de.facebook.com/ridersbolivia/ auf einem Husqvarna Motorcrossevent. Die Begeisterung der Leute für den Endurosport scheint hier deutlich größer als in Deutschland zu sein. Zumal alles eine ganze Ecke unkomplizierter ist. -Wer hätte es gedacht.

Eric hat vor kurzem eine Vertretung für Helme und Motorradzubehör eröffnet und war mit seinem eigenen Stand am Start. Witzigerweise lebte er selbst zwei Jahre in Hamburg mit Frau Maria und seinem Sohn, der sich noch immer lautstark beschwert, warum die Familie nach Bolivien zurückgegangen sei. Immerhin sei er ja im Deutschland aufgewachsen. -Nachvollziehbare Argumentation aus der Sicht eines Fünfjährigen.

 

Wie es der Zufall wollte wurde das Event vom lokalen Husqvarnaimporteur veranstaltet, auf dessen Grundstück auch der Kurs aufgebaut war. Beim Stöbern zwischen den Maschinen kam uns dann der Geistesblitz! Die Husqvarna 701 von 2016 ist motorisch baugleich mit der KTM 690!!! Das heißt sie hat die gleichen Teile verbaut. Der Importeur ist vor Ort und hat einen Laden in Santa Cruz... -Hat er auch eine Kopfdichtung? Bingo!!!! Eine Kopfdichtung habe er im Laden, er wusste auch aus dem Stand, dass es Unterschiede zwischen dem 2016er und dem 2017er Modell gäbe und lediglich die des 2016er Modells passen würde. Die große Unbekannte sind nun die Zylinderkopfschrauben. Diese sollten beim Wechsel der Dichtung erneuert werden. Ob sich diese auch noch im Fundus des Händlers auftreiben lassen? Ein Krimi ist eine schwache Veranstaltung gegen das, was sich hier abspielt. Es bleibt spannend bis zuletzt. 

Heute werden wir also sehen, ob wir am Sonntag endlich weiter kommen.  Der Amboró Nationalpark liegt auf dem Weg nach La Paz und hat sogar einen Campingplatz am nördlichen Eingang! Endlich wieder im Zelt statt im Mehrbettzimmer schlafen, eine verlockende Vorstellung. Zumal sich die blutsaugenden Besucher dann endlich raushalten lassen. 

04. November 2017


Graue Regenwolken über Santa Cruz kündigten den Beginn der nahenden Regenzeit an. Die Schwüle wurde langsam unerträglich. Zeit also weiterzufahren.


Christians Maschine stand immer noch kopflos in der Werkstatt. Über private Kanäle konnte er eintüten, dass eine Dichtung mit neuen Bolzen über Argentinien in der kommenden Woche Montag in Santa Cruz eintreffen würde. Auf KTM zu zählen würde bedeuten noch mehr blumige Worte zu hören zu bekommen und weiter sinnlos Zeit zu verlieren. Wobei ich nicht ausschließen mag, dass irgendwann die Teile tatsächlich ankommen würden. Ob er dann noch in Südamerika wäre?


Daniel und ich packten derweil unsere Motorräder. Die Aussicht wieder in Kombi und Stiefel zu steigen, beschleunigte den Prozess nicht eben. Da meine Kombi mittlerweile mit gut gebrauchter Optik aufwartete und die Feuchtigkeit im Inneren dem der Umgebung absolut entsprach, beschloss ich mich damit unter die Außendusche zu stellen, bevor wir lostuckerten. Ich wäre am liebsten darunter geblieben.
Doch irgendwann war es einfach Zeit. Rodrigo, der Besitzer des La Jarma Hostels, schob das Rolltor auf und wir tauchten ein in das feuchtwarme Chaos von Santa Cruz' Straßen. Ein letztes Treffen beim KTM Händler mit Christian, tanken und los sollte es gehen in den Amboró Nationalpark, westlich von Santa Cruz.


Das Tanken, in Bolivien für uns als Ausländer mit entsprechenden Kennzeichen immer wieder eine spannende Angelegenheit, verlief diesmal unerwartet entspannt. Dazu muss man wissen, dass der Sprit für Einheimische subventioniert ist. Der Liter kostet knappe 4 Bolivianos, was etwa 45-50 Cent entspricht. Beim Husqvarna Motocross Event verriet uns ein Händler, dass immer MIttwoch und Samstag Premium verfügbar sei, was dazu führe, dass die Besitzer europäischer Fahrzeueg bevorzugt dann tankten. Unbestätigten Aussagen zufolge habe der Sprit sonst nur 85 Oktan. Ich muss Frau Katie unbedingt mal dazu befragen... Als offensichtlich Nichteinheimischer ist es so, dass man natürlich nicht von der Subvention profitiert. Die Tankwarte nennen gerne Preise um die 8 Boliviano für uns. Es soll sogar vereinzelt vorgekommen sein, dass Ausländern der Verkauf von Benzin ganz verweigert worden ist. Wir haben uns zur Angewohnheit gemacht zunächst 5 zu bieten, sind dann aber meist bei 6,50 Bolivianos pro Liter gelandet. Besonders in ländlichen Gegenden kann das zäh werden. Die Differenz stecken sich die Tankwarte selbst ein. -Ein überzeugendes Subventionsprinzip.


Wir rollten als an die große Tankstelle in der Stadt heran und ich fragte die junge Tankwartin aus Gewohnheit nach dem Preis. Sie deutete etwas verwundert auf die Anzeige der Zapfsäule: 3,74 Bolivianos. Das wäre ja sensationell!!! Also vollmachen. Während wir tankten, entspann sich die übliche Unterhaltung, begleitet von viel Lachen: Woher, wohin, wie lange und... mit dem Motorrad???
Am Ende teilte sie uns lachend mit, dass sie uns eigentlich den Sprit so gar nicht hätte verkaufen dürfen, da sie ein Kennzeichen bräuchte. Zu spät. Der Saft der Fortbewegung schwappte bereits in unseren Spritfässern und wir fuhren in den ersten Regen auf der Tour aus der Stadt in Richtung Buena Vista zu einem Campingplatz mit Hotel im Jungel: Cafetal. Kaffee? Guter Kaffee? Das wäre es!


Beim Tanken gibt es  einen Trick, der gelegentlich funktioniert: Man stiefelt mit einem Kanister zur Tankstelle. Dann gibt es kein Kennzeichen zu notieren. In Aiquile hatten wir das probiert und es funktionierte erstaunlich gut: Für den Liter im Kanister sollten wir 4 Bolivianos bezahlen. Da wir für alle drei Motorräder 60 Liter brauchten, war die Aussicht sechs Kanister umzufüllen "geht so" prickelnd. Ermutigt durch den günstigen Preis schoben wir danach die Motorräder an die Säule. Und zahlten nun 5 Bolivianos pro Liter. Dem Tankwart war es wohl nach der Kanisteraktion unangenehm zu überzogene Differenzen aufzurufen.


Die Straße nach Buena Vista war einigermaßen asphaltiert und wir kamen zügig voran. In einem Ort auf dem Weg kamen wir kurz von der eigentlichen Route ab und landeten in einer der typischen Einbahnstraßen. Leider in der verkehrten Fahrtrichtung. Ich war gerade dabei Frau Katie abzuwürgen, als mir einer der mittelgroßen Stadtbusse entgegenkam. Nicht, dass da gebremst würde. Der Motor sprang an und ich hatte eben genug Zeit aus der Schusslinie zu kommen. Warum hob mich das nicht mehr an? Hatte ich die Situation in dem Moment nicht vollends erfasst oder bin ich nach der kurzen Zeit hier bereits soweit, dass das zur Normalität gehört?


Von der Hauptverkehrsstraße über eine kleine Seitenstraße erreichten wir Buena Vista. Ein hübscher kleiner Ort am Rande des Dschungels. Dahinter ging es auf sandigen Wegen weiter zu unserem Ziel. Eine Anlage mit palmwedelgedeckten Häusern, einem Pool und einem hölzernen Aussichtsturm. Mitten im Urwald. Traumhaft. Zelten sei entgegen der Ankündigungen nicht möglich. Wir müssten ein Zimmer nehmen. Nach einigem Hin und Her stimmten wir zu. Die Terrasse nach hinten in den tropischen Regenwald. Was für ein Ausblick... Doch auch im Zimmer selbst wurde es nicht langweilig. Wo immer man hinblickte, alles voller Leben. Käfer, Falter, Krabbelgetier. Die Bude war eigentlich schon besetzt! Erst einmal in den Pool. Wenn es einen Himmel gibt, wir hatten ihn gerade gefunden.


Später tuckerten wir zurück nach Buena Viste, um der abendlichen Nahrungsaufnahme zu fröhnen. Bei unserer Rückkehr fanden wir einen weiteren Interessenten für unser Zimmer an der Tür wartend. Eine fette Kröte hatte ihren hässlichen warzenübersäten Köfper direkt vor unserer Tür geparkt. Was für ein Riesenvieh! Vor Schreck über unser Erscheinen versuchte sie offensichtlich zunächst mit der Tür ins Haus zu fallen, in dem sie kopfüber gegen jene sprang. Das klappte nicht so gut und ein freundlicher Tritt meiner bestiefelten Füße konnte sie denn wohl überzeugen ihr Glück an einer anderen Tür zu versuchen. Im Dunkel hörten wir das bekannte "Rumms". Offensichtlich versuchte sie mit ihrem unseeligen Schädel die Nachbartür einzuschlagen. Hat sich schon mal jemand gefragt was im Kopf so einer Kröte eigentlich vorgeht? Vor meinem Auge erscheint gerade das ZDF Testbild...


Nach einer Dusche mit "Anti Brumm Forte" begab ich mich ins Bett. Nicht ohne vorher noch dem ein oder anderen gepanzerten Interessenten einen Platzverweis auszusprechen. Einer der Dreistlinge versuchte es zu guter Letzt unter meiner Decke. Beim Aufschlagen konnte sein missliches Vorhaben enttarnt und vereitelt werden.


Regen setzte ein und senkte die Temperaturen auf ein angenehmes Maß. In der Nacht wurde ich wach. Jemand spritzte mir Wasser ins Gesicht. Der Blick in den Dachstuhl enttarnte das Palmwedeldach als undichte Stelle und den Deckenventilator als Verteiler des eindringenden Wassers. Morgens war das Fußende meines Bettes nass.


Bei der Morgentoilette das nächste Highlight: Ich spülte gerade, da tauchte unter dem Toilettenrand ein schwarzer Frosch auf und schwamm heldenhaft gegen das sich entgegen dem Uhrzeigersinn drehende Wasser im Klobecken an. Das Spektakel dauerte leider nur Sekunden, bevor er in den Tiefen der Toilette verschwand. Ein suboptimaler Austragungsort der nächsten olympischen Schwimmwettkämpfe. Er wird am Ausgang des Abwasserrohres irgendwo im Wald Zeit haben seine Pläne zu optimieren.

05. November 2017

 

Gegen Morgen hörte der Regen auf. Die Nacht über hatte es durchgeregnet und die Temperatur war merklich gefallen. Zeit die Sachen zu packen und loszufahren, bevor die lähmende Schwüle alle Motivation raubt.


Unser Ziel war La Chonta, ein wildes Camp im Amboró Nationalpark. Um die 30 Kilometer entfernt wollten wir wenigstens einmal im Urwald zelten. Die Straße dahin beinhaltete einige Flussquerungen.


Durch die Niederschläge der Nacht war die sandige Piste matschig. Das Fahren war anders als bisher. Bei einem kurzen Stopp sahen wir einen blau gelben Ara auf einer Überlandleitung sitzen. Überhaupt waren verschiedene Papageien häufig zu sehen und zu hören.
Die "Straße" knickte nach rechts ab. Noch 14km bis La Chonta stand auf einem Wegweiser am Straßenrand. Die Flüsse, die wir bisher querten hatten Brücken.


Ein paar Kilometer weiter ging es durch den ersten Fluss. Ein Flüsschen. Dahinter Sand. Das war das eigentliche Flussbett. Und es war verdammt breit. In Kürze dürfte also hier kein Durchkommen mehr sein, Regenzeit und so...
Ein paar hundert Meter weiter dann ein weiterer Arm des Flusses. Nur dass dieser deutlich breiter war und weniger an einen Bach erinnerte. Ratlosigkeit machte sich breit. Wir hatten keine Ahnung wie tief oder wie der Grund beschaffen war. Im Wald auf der gegenüberliegenden Seite ertönte das Knattern eines Mopeds. Etwas oberhalb von uns tuckerte es durch das Wasser. Sah eigentlich ganz einfach aus. 

Das sollten wir wohl auch schaffen... Daniel vorweg, im gestreckten Galopp durchs Wasser. Das ging ganz gut. Und sah spektakulär aus. Sein Motorrad war bis etwa zur Hälfte unter Wasser. Im Prinzip darf man nur einen Fehler nicht machen: Den Gashahn zudrehen. Speed is king, wie Christian zu sagen pflegt. Recht hat er.

 

Weiter ging es auf matschigen Pfaden, weitere Flüsse mussten durchfahren werden. Ging soweit ganz prima. Bis der "Seifeberg" auftauchte. Eine Rampe nach unten, die komplett aus rotem, schmierigen und tiefen Lehm bestand. Schon zu Fuß rutschte es gut. Runter ginge sicher, doch hoch? Eiernd tuckerte ich hinunter. Naja... Das "Hoch" kommt morgen.

 

Immer weiter ging es in den Urwald hinein. Bis wir vor einem etwa 15m breiten, trüben Fluss standen. Das Problem hier war die Tiefe, die sich einfach nicht einschätzen ließen. Mittlerweile fanden sich auch keine frischen Spuren anderer Fahrzeuge mehr, die darauf schließen ließen, dass hier kürzlich jemand durchgefahren sei. Mit einem langen Bambus stocherten wir im Fluss herum, der ungefähr die Hälfte seines Flussbettes ausfüllte. Zweifel kamen auf. Die Regenfälle der letzten Nacht dürften zu einem deutlichen Pegelanstieg geführt haben. Und der Himmel hing voller grauer Wolken, die noch mehr Regen verhießen. Noch mehr Regen, noch mehr Pegel. Leider im Fluß, nicht bei uns. Bei der Vielzahl der Flüsse, die wir bisher durchfahren hatten, würden wir uns unter diesen Umständen wahrscheinlich den Rückweg selbst abschneiden. Und dann säßen wir da mit unserem Talent. Nach einigem Gedankenwälzen fassten wir den Entschluss umzukehren. Ärgerlich angesichts der gerade mal 3 verbliebenen Kilometer bis zum eigentlichen Ziel. Unter Vernunftaspekten jedoch die einzig richtige Entscheidung.

 

Zurück in Buena Vista wollten wir unbedingt unsere Zelte aufbauen. Kurz hinter dem Ort tauchte das Surutu Hotel mit ausgewiesener Campingmöglichkeit auf. Die war zwar auch beim Hotel Cafetal ausgewiesen, war dann aber doch nix.

Hier war das aber kein Problem. Zelte aufgebaut, Sonne genossen und mit den Besitzern radebrechend Spanisch gesprochen. Dabei fiel auf, dass Kokablätter hier gerne konsumiert wurden. Auf einem Plastikstuhl lag ein kleines Tütchen herum. Bestimmt Waschmittel, dachte ich in meiner Naivität. Bis der Hausherr eine Fingerspitze davon verspeiste. Doch kein Waschmittel...

 

06. November 2017

 

370km standen heute bis Cochabamba an. Asphalt zwar, aber der zog sich. Irgendwann ging es aus der Tiefebene auf gewundenen Straßen in die Berge des Regenwaldes. Und Regen setzte auch ein. Viel Regen. Leider vergaß ich alle Belüftungsöffnungen meiner Kombi zu schließen. So suchte und fand das Wasser seinen Weg ins Innere. Frisch wurde es. Draußen wie drinnen. Der Asphalt wechselte zu Betonplatten. In einer Kurve wollte ich ein vor mir fahrendes Auto überholen, das den Kofferraum voller Bananen hatte. Beim Wechsel auf die Gegenfahrbahn erwischte ich natürlich einen Absatz zwischen den Platten. Mit einem schönen Highsider flog ich (mal wieder) von Frau Katie und schlug hart aber herzlich auf. Auf dem Rücken rutschend, sah ich die Gute neben mir bergauf schlittern. Mist, verfluchter! Der erste Impuls war denn auch die rote Notaustaste zu erwischen, damit der Motor nicht liegend läuft. Findet er in der Regel nicht so gut.

 

Aufstehen, Umschauen. Puh... Schwein gehabt. Keine LKW kamen in wahnwitzigen Überholmanövern den Berg herab. Daniel kam herbeigesprungen. Offensichtlich sah die Einlage unfreiwillig sportlich aus. Witzig war sie jedenfalls nicht. Das Resultat waren ein zerdepperter Spiegel, diverse Kratzer an den Anbauteilen von Frau Katie und die linke Tasche hatte auch arg gelitten. Beim Aufsteigen und Weiterfahren machte sich Ernüchterung breit. Der gesamte Vorbau krumm. Die Gabel tordiert, die Lampenmaske schief, der Lenker auch. Ein Schraubertag steht an... Zum Glück, und das ist und bleibt das Wichtigste, blieben die Knochen heile. Die Kombi hatte beste Dienste geleistet. Der Schutzengel auch.

 

Wieder um eine Erfahrung reicher tuckerte ich die restlichen hundert Kilometer mit krummem Motorrad und gebremstem Schaum bis Cochabamba, was nicht nur an der bescheidenen Sicht, der Kälte und den rutschigen Straßen lag. Irgendwie war dieser Crash härter als die anderen und hätte böse enden können. So etwas braucht kein Mensch. In zehn Jahren kein einziger wirklicher Crash und nun binnen Wochen mehr als ich Finger an einer Hand habe. Das muss sich ändern.

 

Je höher wir kamen desto kühler wurde es. Irgendwann schloss ich die letzte Luke meiner Kombi. Nun war es nur noch nass, nicht mehr nass und kalt. Bei gutem Wetter wäre die Landschaft hier wohl ein Traum. So blieb sie im Nebel der Wolken und im Regen verborgen.

 

Wir erreichten Cochabamba in der Dämmerung. Der Verkehr wurde immer chaotischer. Rote Ampeln interessierten wenn, dann nur so lange Querverkehr in Sicht war. An einer solchen Ampel wartend, wurden wir Zeugen wir ein Taxikleinbus ein wartendes Auto einfach zur Seite schob. So stumpf kann man eigentlich kaum sein... Der arme alte Toyota, dessen Seite sich des Spachtels vorangegangener Feindkontakte noch auf der Kreuzung splitternd entledigte, sah etwas gepresst aus. Wir fuhren weiter. Bloß weg hier. Der Campingplatz war dank Navi auch recht schnell gefunden. Ohne hätte das Stunden gedauert. Ein echt feiner Flecken. Raus aus den nassen Klamotten, Zelte aufstellen, was futtern und das war's. Der Tag war nicht so pralle.

 

08. November 2017


Nach zwei Tagen Reparaturen und Erholung in Cochabamba war es nach einem netten Abend mit Nadine aus der Schweiz bei Bier und Reis mit Anchovis (Pfui Deibel!) Zeit weiter in Richtung La Paz zu fahren.

 

Morgens erreichte uns die Nachricht, dass Christian endlich eine neue Zylinderkopfdichtung in den Händen hielt. Endlich ein Ende der endlosen Zusagen, die sich dann leider doch immer wieder als Luftbuchungen herausstellten.
Das leidige Ritual des Packens begann und zog sich... Zwischenzeitlich war es gut warm und ein lustiger Finne beäugte uns bei unserer Plackerei.


Bis La Paz über die Nordroute, inklusive der "legendären" Todesstraße waren es laut Navi rund 570km. Da sich die Straße aus einer unendlichen Zahl von Kehren und Kurven zusammensetzte, beschlossen wir heute 200km als Tagesdistanz anzupeilen und uns dann irgendwo einen Platz zum Zelten zu suchen.

Zunächst stand jedoch das Volltanken der Motorräder auf dem Plan. Die erste Tankstelle war denn auch nicht weit vom Campingplatz entfernt. Aufschlag war die Anweisung doch bitte in Richtung der auf den Boden gemalten Pfeile an die Zapfsäule zu fahren. -Manchmal können die ansonsten super netten Bolivianer auch echte Korinthenkacker sein! Ok, Mopeds umgedreht. Doch Sprit floss noch immer nicht. Ob wir ein bolivianisches Kennzeichen hätten? Nein. Außer wir klauen eins, ist das für uns leider auch nicht zu bekommen. Sie bräuchte ein bolivianisches Kennzeichen für die Abrechnung. Tja, wie erwähnt, selbiges ist nicht in unserem legalen Besitz. Unsere Kennzeichen sind aus Deutschland... Somit gab es auch keinen Sprit. Super. Das war das erste Mal, dass wir in Bolivien wirklich partout keinen Sprit bekommen haben. Bislang kannten wir das nur aus Erzählungen.

 

An der nächsten Tanke begannen die Damen in kurzen Röcken (die Tankwärterinnen?) uns bereits neugierig zu umschleichen. Mit unseren Nummernschildern konnten sie offensichtlich so gar nichts anfangen. Als wir endlich dran waren, auch hier das alberne Spiel. Ohne bolivianisches Kennzeichen, keinen Sprit.
Jetzt kommt's: Daniel fragte, ob wir mit Kanister Sprit bekämen? Ja, das wäre kein Problem. Also 10 Liter Kanister raus, voll gemacht und weiter in den Tank des ersten Motorrades. Das gleiche Spiel dann noch einmal bei meiner Maschine und schließlich der letzte Kanister für Daniel als Reichweitenverlängerung. Ohne Umweg über den Kanister hätte das ganze weniger Zeit in Anspruch genommen... -Bin ich nun vielleicht aber auf der anderen Seite in meiner deutschen Mentalität die Korinthe? Egal. Wir hatten Sprit. Nichts wie weg hier.


Aus Cochabamba hinaus durchfuhren wir ein Randgebiet, das offensichtlich zu den ärmeren gehörte. Überall lag Müll herum und es stank erbärmlich. Ein paar Windungen weiter endete der Asphalt und Kopfsteinpflaster war von nun an für einige Kilometer unser Untergrund, während sich die Straße in steilen Kehren nach oben wand. Irgendwann endete auch das und von hier an war die "Straße" verfestigte Erde, auf der es sich allerdings gut fahren ließ.


Je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Zeit alle Luken zu schließen. Dabei riss mir ein Reißverschluss meiner Klim Kombi ab. Die Dinger sind mittlerweile so schwergängig, dass das sicherlich nicht der letzte war. Ich stehe gerade mit Klim in Verhandlungen wie dieses wirklich leidige Problem zu lösen ist, doch das ist eine andere Geschichte.


Graupelschauer setzten ein noch ehe wir den Bergkamm erreichten. Auf den kargen Flächen neben der Straße standen eingeschneite Alpacas und wussten mit uns offensichtlich auch nicht so richtig etwas anzufangen. Weiter und weiter wand sich der Weg. Steigungen, Gefälle, enge Kehren, Serpentinen, Kurven. Der fragende Blick auf den Kilometerzähler warf lediglich eine weitere Frage auf: Sind wir in der letzten Stunde eigentlich gefahren??? Ein Gewitter zog neben uns über die Berge. Glück für uns. Da hineinzugeraten wäre nicht unbedingt eine angenehme Vorstellung gewesen.


Stunde um Stunde verstrich, doch wirklich vorwärts schienen wir nicht gekommen zu sein.
Da tauchte auf einer ausgewaschenen Steigung eine seltsame Gestalt auf. Zottelige Haare, ein Fahrrad schiebend, das mit Plastikeimern behangen war. Ich hielt an. Ross aus Florida war auf dem Weg nach La Paz mit einem uralten Bianchi Mountainbike. Keine Federung, nicht einmal die Bremse schien noch zu funktionieren. Er schiebe ja schließlich mehr als dass er fahre. Links und rechts an der Gabel hing je ein großer Kunststoffeimer, auf dem Gepäckträger über dem Vorderrad hatte er eine hölzerne Apfelkiste für seine Habseligkeiten montiert. Ein echt spektakuläres Bild und eins, das mir Respekt abnötigte. Das war definitiv die ganz harte Nummer. Wir mit unseren fremdangetriebenen Knatterböcken waren auf einmal die Weicheier.


Die Nachmittagssonne begann sich auf das Ende des Tages vorzubereiten und wir hatten immer noch nicht annähernd unsere Tagesdistanz abgespult. Zeit sich nach einem Platz für die Nacht umzusehen. Neben der Staubstraße lagen weiche Hügel mit Flechten und Moosen bewachsen. Eigentlich optimal, um dort die Zelte aufzuschlagen. Leider musste die Straße jedoch in die Landschaft gefräst werden, so dass links und rechts meist unüberwindbar hohe Absätze das Fahren auf diese Flächen verhinderte. Irgendwann scherte Daniel nach links aus. Über einen aufgeschobenen Erdwall ging es ab in die hügelige Landschaft. Über den ersten Hügel, dann den zweiten und: Wir hatten unseren Platz für die Nacht. Eine leicht abschüssige Fläche, von der Straße nicht sofort einsehbar. Keine Menschenseele weit und breit. Das nächste Haus lag Luftlinie etwa 3km hangabwärts. Der unglaubliche Ausblick auf das Bergpanorama mit der untergehenden Sonne gehörte uns allein. Was für eine Ruhe... Im letzten Sonnenlicht bauten wir die Zelte auf und kramten Kocher und Nahrung aus den Packtaschen. Für heute reichte es. Für knapp 170km waren wir schlanke 6 Stunden unterwegs...

12. November 2017


Am nächsten Morgen waren die Zelte noch in den Nebel der tiefhängenden Wolken gehüllt. Es war frisch. Ein paar wilde Pferde grasten unweit unserer Zelte. Die Nacht war gespenstisch ruhig gewesen. Zu ruhig für Stadtmenschen, die immer eine gewisse Grundgeräuschkulisse gewohnt sind. Und hier war einfach nur nichts.


Ehe die Sonne sich für Ihren Auftritt so richtig morgenfein machen konnte, hatten wir bereits unsere noch vom Tau feuchten Zelte verpackt und suchten uns über die etwas rutschigen Hügelflanken den Weg zurück auf die "Straße". In dem Kontext habe ich immer noch Schwierigkeiten das Gesehene und Erlebte mit der in meinem Kopf bis dato verankerten Bezeichnung "Straße" in Einklang zu bringen.


Bis La Paz waren es 360km. Wir kamen noch vor neun Uhr los. Die Zeichen standen so schlecht nicht. Die "Straße" wand sich entlang der Bergflanken. Immer wieder säumten abgerutschte Steine und Felsbrocken die Strecke, teilweise waren die Abgänge offensichtlich noch recht frisch. Hier unterwegs zu sein wenn es regnet war keine erheiternde Vorstellung.


Vereinzelt tauchten Kühe und Pferde aus den Büschen am Wegesrand auf. Besonders die jungen Rinder sind in ihrem Verhalten schwer berechenbar. Nicht ganz ohne mit dem steilen Abhang links oder rechts. Der Abgang da runter wäre mit Sicherheit der Letzte.


Die Stunden verstrichen, die gefahrenen Kilometer leider nicht annähernd so schnell. Im Tal neben uns tauchte ein breites Flussbett auf. Das Navi verriet, dass wir auf die andere Seite müssten. Der Rio Yananco wartete auf uns. Zunächst schraubten wir uns die Bergwand hinab ins Tal. Auf sandigen Wegen, deren pulverige Deckschicht wie graue, feine Asche war, ging es immer tiefer hinab ins Tal. Ein paar Wasserlöcher von teilweise erstaunlicher Tiefe waren zu durchfahren. Das Letzte war so tief wie einige Flüsse auf dem Weg zum Amboró Nationalpark. Und dann tauchte das zum großen Teil noch ausgetrocknete Flussbett auf. Ein Esel begrüßte uns mit wildem Gewieher, was der Szenerie einen ziemlich bizarren Touch verlieh.

Der Sand des Flussbettes war teils vom Wind geriffelt wie in einer Wüste. Diese Flächen wechselten sich ab mit morastigen, mineralhaltigen Feldern, in denen die Motorräder immer wieder stecken zu bleiben drohten. Braun und trüb war das Wasser in den verschiedenen Armen des Flusses. Schwierig die Tiefe und eventuelle Hindernisse auf dem Grund zu detektieren. Hin und her überlegten wir, spielten verschiedene Szenarien durch, doch nichts schien wirklich überzeugend. Schließlich fuhr ich in der Nähe einer von den Einheimischen genutzten Furt ins Wasser. Der Tank war bereits zur Hälfte im Wasser als mir das Hinterrad seitlich wegrutschte und die ganze Fuhre umzukippen drohte. Gerade konnte ich sie noch mit den Füßen abfangen, da stand ich auch bis zu den Knien im Wasser. Na wenigstens war es nicht kalt. Auch Daniel hatte sichtlich zu kämpfen ohne Sturz durch zu kommen und auch bei ihm fand das Wasser seinen Weg in die Stiefel. -Eine schöne Vorstellung ab jetzt in wassergefüllten Stiefeln zu fahren. Da wurde jeder Schaltvorgang zum Erlebnis.


Aber wir hatten es geschafft. Auf der gegenüberliegenden Seite wand sich der staubige Weg wieder die Bergflanke empor. Wir erreichten ein Dorf. Da die nächste Tankstelle in 160km eingezeichnet war und es keine Sicherheit gab, ob sie denn geöffnet sei, ob wir Sprit bekämen und überhaupt die Informationen zur F25 äußerst dürftig sind, beschlossen wir bei den Dorfbewohnern nach Sprit zu fragen. An einem "Laden" fragte ich. Ja, Sprit könnten wir kaufen. Wie viele Liter wir denn haben wollten. Auf meine Gegenfrage, was der Liter denn kostete, kam als Antwort 9 Bolivianos. Zur Erinnerung, an den Tankstellen in großen Städten kostet der Liter 3,74 , auf dem Land etwa 4,5 Bolivianos. Die Gute wollte einfach mal das Doppelte haben. Da ich mir sicher war die Distanz zur nächsten Zapfsäule sicher zu schaffen, kam das Angebot für mich nicht infrage. Daniel kaufte notgedrungen 4 Liter in zwei PET Flaschen. Eine davon war vorher mit Sprite befüllt und verkrustete Zuckerreste fanden sich noch in ihr. Zumindest roch der Sprit nicht auffällig schlecht.


Also weiter. Der Weg führte wieder tiefer in den Urwald, entlang der Bergflanken. So langsam rückte das Tagesziel La Paz in unerreichbare Entfernung, wollten wir nicht im Dunkel fahren. Der Weg führte aus den Bergen zurück ins Tiefland, die Temperaturen stiegen merklich, die Luftfeuchtigkeit leider auch. Zeit für die Mittagspause. In einem kleinen Ort fanden wir eine Gaststätte, in der die Einheimischen speisten. Wir setzten uns hinzu und bestellten das menu del dia. Was in der Regel aus einer Suppe und einem Hauptgericht besteht. So auch hier. Wir saßen unter den neugierigen Blicken der Dorfbewohner und speisten wie die Könige. Für fast kein Geld. Auch das ist Bolivien.


Weiter ging es. Die Vegetation änderte sich, die Kargheit der Berge lag hinter uns. Mangobäume, Palmen, Bananen, es wurde grüner. Es war mittlerweile später Nachmittag. Die Strecke zog sich zäh wie Kaugummi. Das ständige Rütteln, die volle Konzentration beim Fahren, all das saugte die Akkus leer. Und eine schöne Stelle wie am Vorabend, zum Zelten fand sich einfach nicht. Da entdeckte Daniel in einem halben Kilometer Entfernung eine eingezeichnete Unterkunft im nächsten Ort. Unser Ziel für die Nacht? Die Beschreibung deutete auf etwas ganz Einfaches hin. -Egal. Hauptsache raus aus den staubigen Klamotten. Raus aus den komplett vollgelaufenen Stiefeln.


Auf dem Marktplatz des Ortes angekommen, stellte sich zunächst die Frage welches der Gebäude denn nun das in iOverlander beschriebene sei, in dem man einen Platz für die Nacht bekäme. "Das hohe Gebäude am zentralen Platz." Naja, das traf genauso gut auf fast alle wie auf fast kein Haus zu. Denn wirklich hoch war einfach keins. Der Minimarkt in einem der Häuser war angepeilt. Wenn wir schon nicht wussten wohin, waren wir uns doch sicher, dass es dort kühles Bier und vielleicht auch die gewünschte Information gab. Und so war es denn auch. In dem Gebäude, das bei uns als Rohbau bezeichnet würde, war ein Zimmer für 30 Bolivianos pro Nase zu vermieten. Bier hatten sie auch und fünf Minuten bräuchten sie, um alles herzurichten. Kein Problem, wir hatten ja das kühle Bier. Und das tat denn auch schnell seine Wirkung. In der Spätnachmittagssonne sitzend, wurde uns klar, dass hier für uns und heute Endstation war. 180km hatten wir in 8 Stunden geschafft ohne zu bummeln. Noch 15 Kilometer bis zum nächsten größeren Ort, Irupana.


Den Abend verbrachten wir vor dem Minimarkt auf der Straße sitzend. Das Bier war recht schnell alle und wir mussten uns anderer Quellen bedienen. Dabei stolperte ich über "Umintas", in Maisblätter eingewickelte und gebackene Maiskuchen. Sehr lecker. Etwas frittiertes Huhn war auch zu bekommen. Irgendwann war es Zeit für das Bett. Ich schlief wie ein Stein. Am nächsten Morgen die Überraschung: Ungeziefer war mein Gast und ich total zerstochen. Egal. Das geht vorbei.


Es standen noch 180km bis nach La Paz an. Kurz vor dem Ortseingang von Irupana wartete ich auf Daniel, doch er tauchte nicht auf. Nach einer Viertelstunde fuhr ich zurück, ein mulmiges Gefühl machte sich breit. Zurück nach Irupana stellte ich fest, dass es noch einen anderen Weg in die Stadt gab. Eine Weile fuhr ich noch kreuz und quer durch den Ort auf der Suche nach ihm, fragte Leute, doch niemand hatte einen anderen Motorradfahrer gesehen. Am Ortsausgang ein Kontrollposten. Hier wurde mir bestätigt, dass die blaue KTM bereits durch war. Also gab ich Gas.
In Punte Aqua, etwa 90km später traf ich einen Spanier, der aus La Paz kam. Er meinte, er habe Daniel nicht gesehen, hätte ihm aber begegnen müssen. Seltsam. Ich fuhr weiter. 30km später beschloss ich einmal mehr zurück nach Punte Aqua zu fahren. Sollte Daniel tatsächlich hinter mir gewesen sein, musste er dort durch. Kaum angekommen, sprach mich ein neugieriger Einwohner an. Ich fragte ihn, ob eine blaue Maschine mit orangenen Dakar Aufklebern und Alukoffer die Brücke im Ort passiert habe, was er bejahte.
Also fuhr auch ich los. Kaum aus dem Ort, traf ich auf einen Stau auf der Straße. Ein Unfall. Durch die kreuz und quer geparkten Fahrzeug schlängelte ich mich zur Unfallstelle. Ein junger Motorradfahrer war frontal mit einem der Minibustaxis kollidiert und lag blutüberströmt am Boden. Ich hielt an und schnappte mir mein erste Hilfepäckchen. Doch beim Anblick des verletzten Teenagers wurde mir schnell klar, dass hier mit Kompressen und Verbandmaterial nichts zu machen war. Eine üble und tiefe Platzwunde am Kopf musste dringend genäht werden. Den Schäden an der Front des Busses nach zu urteilen waren innere Verletzungen nicht auszuschließen. Zum Glück tauchten aus dem Gewühl Ärzte auf. Zeit zu verschwinden, hier konnte ich nichts mehr machen.

 

Weiter ging es über Schotterstraßen. Geschüttel, unglaublich viel Staub, und immer wieder Busse und LKW, die mit überhöhter Geschwindigkeit auf der gewundenen Piste entgegen kamen, teilweise war kaum Zeit am Rand anzuhalten. Und Anhalten war mitunter einfacher gesagt als getan. Mit dem Fuß stand ich mehr als einmal an der Kante des gähnenden Abgrundes. Runterschauen möchte man da eigentlich nicht. 

 

Irgendwann endete die F25 und damit Staub, Schotter und tiefe Schluchten. Die Todesstraße, berühmt für ihre schweren Unfälle mit zahlreichen Toten fuhren wir letztlich nicht. Das Gefühl etwas verpasst zu haben, hatte ich auch nach der F25 nicht. Auch hier waren die Bedingungen kaum unterschiedlich zur "berühmten Schwester". Die Fahrbahn schmal und gewunden, der Fahrstil der Bus- und LKW Fahrer äußerst abenteuerlich, in Deutschland würde man sagen "den Straßenbedingungen nicht angemessen", die Abhänge direkt neben der Fahrbahn steil und hunderte Meter tief. Oft genug stand ich gezwungenermaßen mit einem Fuß am Abgrund. Hat nun ohne die Todesstraße gefahren zu sein etwas gefehlt? Die ganze Strecke war anspruchsvoll, nicht ungefährlich und doch faszinierend. Die meisten Bilder bleiben jedoch verwahrt in meinem Kopf. Denn die Kamera konnte ich nicht annähernd so oft zücken wie es der faszinierenden Landschaft angemessen gewesen wäre.


La Paz erreichte ich über die glatt asphaltierte F3. Die letzten Kilometer flogen vorbei, es wurde kalt. Die Höhe war deutlich spürbar. Die Einfahrt in die Stadt war typisch für viele südamerikanische Städte und deren Randgebiete. Bauschutt, Müllhalden, ärmliche Behausungen, viele kleine Werkstätten am Straßenrand. Dann die unglaublich vielen Überlandbusse am Straßenrand, als nächstes die unzählbaren Kleinbusse. Dann der erste Blick in den Talkessel der Metropole mit seinen bizarren Sandbergen, die wie ausgewaschene Zähne in den Himmel ragen. Die Häuserschluchten, die vom Grund des Talkessels bis an seine Ränder hochzuwachsen scheinen. Das Licht dazu, das alles gab ein unglaublich surreales Panorama.
Im Berufsverkehr einmal quer durch die Stadt zu fahren, erschien auch leicht surreal. Eigentlich ging das nur mit einer Mischung aus Dreistigkeit und gewaltsamen Drängeln. Bloß nicht nachgeben, sonst hat man als Motorradfahrer in dem Gewühl verloren. Verkehrsregeln sind als Empfehlungen zu betrachten und die Fähigkeit schnell weg zu kommen, ist oft von Vorteil.
So erreichte ich den südlichen Stadtrand und den Campingplatz. Colibri Camping war hoch bewertet und erfüllt die Erwartungen auch vollkommen. Allein das Panorama aus dem Zelt hinab in das Tal und die gegenüberliegenden Wände ist phänomenal. Und: es gibt HÄNGEMATTEN!!! Zeit die müden Knochen zu regenerieren und die Stadt zu erkunden. Und um das Rätsel aufzulösen: Daniel traf bereits zweieinhalb Stunden vor mir auf dem Campingplatz ein. Wir hatten uns gleich nach dem ersten gemeinsamen Orientierungsstop verloren. Durch die immens lange Staubschleppe hinter dem Motorrad, hielten wir gezwungenermaßen etwa einen Kilometer Abstand zueinander. Bei der Einfahrt in den nächsten Ort führte mich mein Navi zu einem anderen Punkt als seins. Vermutlich suchten wir uns noch eine Weile und spielten dadurch unfreiwillig Hase und Igel. Am Ende hatte der Kontrollposten am Ortsausgang von Irupana mit tatsächlich die richtige Info gegeben: Daniel war bereits durch. Egal. War ein anstrengender Tag, der letztlich ein glückliches Ende fand.

Rückspiegel

 

Bolivien liegt hinter uns. Nach vier Nächsten etwas außerhalb von La Paz, auf Colibri Camping (Süd-16.590786, West-68.069742), einem echt tollen Platz, einigen Kilometern zu Fuß und per Seilbahn durch La Paz selbst und diversen Hängemattenaufenthalten, war es Zeit die Motorräder zu satteln. 

So langsam läuft mir die Zeit auch davon. Ich muss am 04. Dezember morgens in Quito sein und die Schulbank der Sprachschule drücken.

 

Das Land hat in mir gemischte Eindrücke hinterlassen. Zum Einen die karge Lagunenlandschaft, mit viel Sand, Staub und Schotter, Wüsten und großer Höhe. Zum Anderen Städte wie Santa Cruz, das mit seinem fast schon karibischen Feeling begeisterte, Cochabamba mit seinem chaotischen Verkehr und La Paz mit seiner unglaublichen Lage.

Von trocken staubigem Wüstenklima  auf der Lagunenroute im Süden an der Grenze zu Chile, subtropischem Wetter in Santa Cruz mit den ersten Regenfällen seit Beginn der Reise und angenehm warmen Tagen in La Paz. 

Die Spielchen an den Tankstellen, verbunden mit der Frage, ob wir überhaupt Sprit bekämen oder nicht und wenn zu welchem Kurs, leckere Mangos (von denen ich eine unglaubliche Menge verspeist habe), buntes Treiben auf den Straßen und Plätzen der größeren Städte und bitterer Armut  mit viel Müll an den Stadträndern und auf dem Land. 

Was mich echt begeistert hat, war die Freundlichkeit der Bolivianer. Wo immer wir aufkreuzten, oft wurden wir nach einem Foto mit unseren Motorrädern gefragt. Die Polizei hat uns nie aufgehalten, auch wenn wir teilweise deutlich zügiger als erlaubt unterwegs waren. Das leckere Essen der Straßenstände, das bunte Treiben auf den Märkten, aber auch die Armut in den Randgebieten, der Müll und der Gestank der wilden Deponien, all das bleibt in Erinnerung an Bolivien, das für mich bis dato nicht greifbare Land. Würde ich wiederkommen? Unbedingt. Nicht mit dem Motorrad, sondern mit einem Geländewagen. Und viel mehr Zeit.