21. Februar 2018

 

Nach einem nervigen Grenzübergang nach Chile (die haben noch mehr Dokumente und Stempel als wir in Deutschland), verspürte ich keine Lust am frühen Nachmittag wiederum zu einem Ritt über 300 Kilometer aufzubrechen. So fuhr ich lediglich bis Arica. Faul wie ich eben war.

 

Nach drei Tagen in Arica im Sunny Days Hostel werde ich morgen früh weiterziehen. Hier ist es schön schattig und mit der Brise vom Ozean echt angenehm. Außerhalb dagegen kommen Assoziationen mit einer Herdplatte auf. Bereits am frühen Vormittag wird es brutal heiß. Jedoch wird die zu fahrende Distanz pro Tag mit jeder weiteren Übernachtung auch größer, was mir einerseits am Ende weniger Luft lässt, sollte etwas schieflaufen und mir auch die Optionen nimmt, unterwegs den ein oder anderen Nationalpark aufzusuchen.

Doch letzterer Punkt schmerzt angesichts der brütenden Hitze nicht wirklich. Die Aussicht im vollen Ornat bei 30 Grad plus im Sand herumzustapfen macht die tollsten Dünen unattraktiv.

 

So werde ich morgen in aller Frühe aufbrechen, um wenigstens bis Iquique zu kommen, eventuell sogar weiter. Bis Santiago sind es nur noch 2000 Kilometer. Theoretisch in 5-6 Tagen machbar.

 

Es ist seltsam. Gefühlt war die Reise beim Aufbruch in Valparaiso letztes Jahr endlos. So viel Zeit lag vor mir. Dann erreichte ich im Dezember Bogota und Daniel und Christian, bereits vor Ort, packten ihre Motorräder gerade in eine Kiste, bereit für den Transport nach Hause. Von da ging es noch etwas weiter nördlich, in die Karibik und seit meiner Rückkehr von dort, mit dem Überschreiten des "Reisezenits" rasten auch meine Tage hier. In etwas über einem Monat werde ich im Flieger nach Hause sitzen und Katie, nach dann etwa 22.000 hier gefahrenen Kilometern, im Container nach Deutschland stehen. Es ist, als hätte ich sie erst gestern beim Händler aus dem Showroom gerollt. Das kleine Gerät ist ein echtes Langstreckenfahrzeug geworden.

22. Februar 2018

 

Arica war heiß. Brutal heiß. So heiß, dass ich mich zusammenreißen musste, um nach der dritten Nacht loszufahren. Tagsüber brannte die Sonne und der einzig wirklich angenehme Ort war im Schatten des Innenhofs des Sunny Days.
Nachdem ich mich irgendwie doch noch aufraffen konnte Arica zu Fuß zu erkunden, beschloss ich am Folgetag früh loszufahren. Der Tag war heute.

 

Die drei australischen Ladies, mit denen ich das Zimmer teilte, schnarchten im Trio was mir die Nacht noch zusätzlich verkürzte. Schlaf fand ich nicht wirklich. So passte es prima, dass auch sie am Morgen früh aufstehen und losfahren wollten. Das Klingeln des Weckers hörte ich nicht, denn ich war bereits auf den Beinen. Um mich herum geschäftiges Treiben. Die Damen packten auch schon ihre Sachen.

 

Nach dem Frühstück dauerte es nur noch Minuten bis ich auf Katie saß, mich von Ross, dem Kiwi, verabschiedet hatte und in Straßen von Arica tuckerte. Die morgendliche Kühle war angenehm. Nachdem ich die Spritfässer der kleinen Österreicherin mit feinstem Super gefüllt hatte war es Zeit die Stadt endgültig zu verlassen und die Straße zum 300 Kilometer entfernten Iquique unter die Reifen zu nehmen. Durch die morgendliche Wüste schlängelte sich der Highway. Immer wieder säumten skelletierte und deformierte Fahrzeugwracks den Straßenrand. Statt Müll wie in Peru lagen hier eben halbe Autos in der Gegend herum.

Nach drei Stunden hatte ich den Abzweig nach Iquique erreicht. Es war viel zu früh um den Fahrtag zu beenden und ich hatte durch meinen ungeplant langen Aufenthalt in Arica einiges an Kilometern aufzuholen. Die Pläne ein paar Tage in La Serena zu bleiben und die Gegend dort zu erkunden hatte ich bereits aufgegeben.
Sollte ich wirklich weiter bis Antofagasta fahren? Das wären ab hier immerhin 460 weitere Kilometer. Mehr als ich allein an einem normalen Fahrtag fahren würde und ich hatte bereits etwas über 300 Kilometer abgespult. Pozo Almonte hieß das Kaff an der Hauptstraße Routa 5. Zwei Tankstellen waren hier, ein paar Leute, Trucks und viel Sand. Bis Antofagasta sollte eine Tankstelle kommen. Die Entscheidung stand: Gashahn auf und weiter. Nach weiteren 65 Kilometern flackerte die Reservelampe auf. Um mich herum nichts als glühende Hitze, Sand soweit das Auge reichte und das ewig gerade Asphaltband. Es kommt garantiert bald eine Tankstelle. Hey, das ist die Routa 5 nach Antofagasta... -Leise Zweifel beschlichen mich. Denn hier draußen kam außer ein paar Strommasten gar nichts. ÜBERHAUPT NICHTS. Ich hielt an.
Mein Garmin erzählte mir etwas von einer COPEC, die 20 Kilometer zurück liegen sollte. Ich erinnerte mich an vereinzelte Häuser, die sich in den heißen Sand drückten, ein paar LKW am staubigen Straßenrand und mehr? War da nicht. In Fahrtrichtung würde die nächste Tanke in 180 Kilometern sein. In Worten: Hundertachtzig. Mit leuchtender Reserveleuchte? Nie im Leben! Seit meinem Liegenbleiber in Peru hatte ich die Flasche meines Kochers wieder mit Sprit gefüllt. Doch selbst damit hätte ich keine Chance diese Strecke zu überbrücken.

Grummelnd drehte ich um. 20 Kilometer später erreichte ich den Hort des glühenden Staubes. Doch eine Tankstelle konnte ich nirgends entdecken. Ein runzeliger Mann mit Sonnenbrille am Straßenrand erklärte mir denn auch, dass die nächste Tanke in Pozo Almonte wäre. Ich erinnerte mich! Da waren sogar zwei. 20 Kilometer? Wiederum kamen Zweifel auf.

Nach der angekündigten Distanz war um mich herum immer noch nichts. Nichts außer Sand, flimmerndem Asphalt und hin und wieder einem LKW. Nicht einmal die omnipräsenten Geier waren in der Nähe. Zeit für einen Stopp. Hier stank etwas. Das Navi klärte den Vorgang auch schnell auf: Der gute Alte hatte sich komplett in der Distanz vertan. Nicht 20, ganze 45 Kilometer waren es zurück bis zu den Benzinquellen! Kopfschüttelnd saß ich auf dem Motorrad und knatterte durch die Glut. Es schien sich hier um ein südamerikanisches Phänomen zu handeln. Normalerweise wird die Entfernung auch eher in Zeit als in Entfernung angegeben. -Was Sinn macht, für uns Europäer jedoch ungewohnt ist. Noch ungewohnter ist die Erfahrung, die man macht wenn man beliebige Leute nach dem Weg zu etwas fragt. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind die Angaben kompletter Nonsens.

So machten wir in Manizales einen kompletten Stadtrundgang auf der Suche nach einem Postamt. Immer waren es eineinhalb bis drei Blocks weiter und wir sollten unser Ziel erreichen. Egal wen wir fragten, Polizei, Tankwart, Ladenbesitzer oder einfach Menschen auf der Straße. Immer bekamen wir freundlich und im Brustton der Überzeugung eine Auskunft, die keinerlei Zweifel aufkommen ließ. Und immer waren diese Angaben komplett daneben.
Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man hier lieber irgendeine Auskunft gab als zuzugeben, dass man es nicht wüsste.

 

Mit diesen Gedanken erreichte ich die erste Tankstelle in Pozo Almonte. Mittlerweile war ich 65 Kilometer zurückgefahren. Würde bedeuten, ich hätte am Ende des Tages insgesamt 130 Kilometer Umweg hinter mir und wäre dann bis Antofagasta 900 Kilometer an einem Tag unterwegs gewesen. So ganz konnte ich diese Zahlen selbst nicht glauben.

 

Nachdem Katie wieder mit reichlich Treibstoff versorgt war genehmigte ich mir auch noch eine kurze Pause, bevor ich die nunmehr 460 verbliebenen Kilometer abreißen wollte.

Als ich vor die Tankstelle trat, hielt gerade ein vollbepacktes Motorrad an. Albert aus Barcelona stieg ab. Die Suzuki DR650 hatte einen winzigen Tank und war bepackt wie ein Maultier. Unter anderem mit einem durchsichtigen Spritkanister, in dem weitere 10 Liter Sprit herumschwappten. So wollte er bei gemäßigter Nutzung des Gashahns Antofagasta erreichen. Schnell waren wir uns einig die Strecke durch die Wüste zusammen zu tuckern.
Gesagt, getan. Raus ging es in die Glut. Es war bereits 14 Uhr. Die Hitze war auch in Fahrt zu spüren, trotz dessen, dass ich alle Belüftungsöffnungen meiner Kombi offen hatte. Je weiter wir in das Sandmeer vorstießen, desto mehr gruselte mich die Vorstellung, ich hätte nicht auf meine Intuition gehört und wäre weitergefahren, im Vertrauen darauf, dass irgendwann schon eine Tankstelle kommen würde. Es kam keine. Auf den nächsten 360 Kilometern nicht, wie sich herausstellte, als wir am Abzweig nach Calama und Antofagasta ankamen. Angeblich soll vorher in einem Ort eine Quelle des flüssigen Goldes sein, doch diese war bei mir nirgends verzeichnet und ich hätte sie folglich auch nicht finden können. Erreicht hätte ich sie ohnehin nicht.

 

Während wir uns Antofagasta näherten wurde Albert mit seiner Maschine auf einmal immer kleiner im Rückspiegel. Gerade hatte er noch angesetzt einen LKW zu überholen, da verschwand er auch schon hinter selbigem. Ich hielt auf dem Standstreifen an. Langsam kam die Suzuki näher. Offensichtlich hatte der Spritvorrat doch nicht ganz gereicht. Meine Tanks waren noch voll genug, um Albert ein paar Liter abzugeben. Die Dämmerung hatte eingesetzt und die erste Tankstelle der Stadt gehörte uns.

Mit vollen Tanks und den Standardzutaten einer Reiseküche ausgestattet (Nudeln, Tomatensauce und etwas Käse) schlängelten wir uns die Strandstraße entlang an das südliche Ende des Stadtstrandes. Hier sollte ein Campingplatz sein. Einfach, aber direkt an der Küste.
Nach etwas Suche fanden wir den geschotterten Platz. Aus der Dunkelheit tauchte Hektor, der Betreiber auf. Schnell wurden wir uns einig und der Platz für die Nacht war gesichert. Es war Zeit. Hinter mir lagen über 900 Kilometer Tagesdistanz. Ich hatte einen vollen Tag gutgemacht. Es war die längste Strecke, die ich in den nunmehr 11 Jahren Motorradfahren an einem einzigen Tag zurückgelegt hatte. Doch es fühlte sich gar nicht so dramatisch an. Da hatte ich kürzere Distanzen schon deutlich unangenehmer in Erinnerung.

23. Februar 2018

 

Von Antofagasta ging es zunächst in Richtung des verschlafenen Örtchens Paposo. An der ersten Tankstelle trafen wir auf eine Gruppe junger Kolumbianer auf ihren Motorrädern. Wie sich im Nachhinein herausstellte Geschwister, die auf dem Weg nach Santiago waren.


Über die Berge erreichten wir eine total verlassene Gegend an der Küste. Wunderschön war es hier. Der tiefblaue Pazifik trieb seine Wellen gegen die steinige Küste. Kein Mensch weit und breit. Über 50 Kilometer schlängelte sich die mal mehr, mal weniger befestigte Straße entlang der Küstenlinie. Eine Szenerie, die keine Kamera hätte einfangen können. Die schönsten Bilder bleiben eben doch im Kopf.
Paposo, das Kaff war erreicht. Ab hier gaben die Kolumbianer Gas. Sie kamen aus San Pedro und hatten als Tagesziel Copiapo. Eine unglaubliche Tagesdistanz auf dem Motorrad. Beim Gedanken schlief mir der Allerwerteste ein.


Wir rollten weiter. In Chanaral war es Zeit die Tanks zu füllen. Auch die Kolumbianer standen bereits an den Zapfsäulen. Großes Gelächter, eine erneute, lachende Verabschiedung und es ging weiter. Wieder ging es hinaus in die Wüste. Die tiefstehende Sonne warf ein spektakuläres Licht auf die Berge um uns herum. Immer wieder musste ich mich "überreden" der Straße doch etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


Taltal erreichten wir in der Dunkelheit. Entgegen unseren Informationen war es nicht möglich an der hiesigen Copec Tanke das Zelt für die Nacht aufzuschlagen. Der "traumhafte Spot" zum Wildcampen am Strand war im Dunkel der Nacht auch nicht wirklich überzeugend, eine Lösung musste her. Sie fand sich in der Einfahrt einer alten, kleinen Fischfabrik, direkt neben der Straße. Zwei Motorräder und ein Zelt passten in den Schatten des Gebäudes. Die Nacht konnte kommen. Sie kam, war unruhig, laut und am Morgen fühlte ich mich, als wäre ich gerade von der Nachtschicht heimgekommen. Bloß weiter.


Wir einigten uns auf Copiapo als Tagesziel. Vor meinem geistigen Auge lag ich bereits wieder in meinem Zelt, auf einer grünen Wiese. Diese Illusion wurde endlich Wirklichkeit, als wir am Südende der Stadt den einzigen Campingplatz weit und breit erreichten. Wiese, Pool, eine warme Dusche und das auch noch günstig. -Für chilenische Verhältnisse. Für mich stand fest, dass ich hier mehr als nur eine Nacht bleiben würde. Nach den vielen Kilometern der letzten Tage hatte ich genug Zeit herausgefahren, um einen Gang herunterzuschalten.

25. Februar 2018

 

Nach all dem Staub der Wüste, der Hitze und der Trockenheit fühlte ich mich auf dem kleinen Platz in Copiapo wie in einer Oase. Das Grün, der frische Wind aus den umliegenden Bergen und Juan, der hier nach dem Rechten schaute. Es war so angenehm, ich blieb noch einen zweiten Tag.

 

Albert wollte weiter nach Santiago. Das Motorrad musste verkauft, ein Flug gebucht werden und dann würde es für ihn zurück nach Barcelona gehen. Seine Reise war nach über einem Jahr auf der Straße, mit Unterbrechungen, auch vorbei. So packte er seine Sachen und unsere Wege trennten sich hier.

 

Einen Tag später war es auch für mich Zeit weiterzuziehen. Auf dem Weg gen Süden wollte ich unbedingt noch im Valle de Elqui vorbeischauen. Vicent hatte nicht nur den Wahnsinn im Blick, sondern auch einen ähnlichen Geschmack was Orte betraf, die es zu besuchen lohnt, wie ich. 

 

26. Februar 2018

 

Ich startete im kühlen, salzigen Nebel der Wüste. Normalerweise würde sich der Dunst gegen Mittag verziehen. Heute nicht. Es war kalt. Kalt und grau. Vorzeichen meiner anstehenden Heimkehr ins wintergeschüttelte Deutschland?

Genaugenommen war das Fahren auf der langweilig geraden Routa 5 so deutlich erträglicher. Es drückte zwar etwas auf die Stimmung, nicht jedoch auf den Kreislauf. Die Gefahr der Dehydrierung bestand heute definitiv nicht. 

 

Beim Erreichen von La Serena riss der Himmel endlich auf. An der ersten Tankstelle machte ich Pause. Zeit für einen Completo, die chilenische Variante des Hotdogs mit Avocado. Erst jetzt merkte ich, dass ich es in Hinblick auf die Gefräßigkeit locker mit einem Rudel Wölfe aufnehmen konnte.

 

Katies Spritfässer waren randvoll, mein Magen auch. Zeit aufzubrechen und die letzten 110 Kilometer in die Abgeschiedenheit des hinteren Teils des Tals anzupeilen. 

Je weiter ich mich von der Stadt entfernte, desto weniger Autos waren unterwegs, doch desto stärker und frischer wurde der Wind. Weitere 60 Kilometer später der letzte Abzweig nach rechts und das war sie. Die Straße zum Ende des Tales. Sich an der Bergflanke entlangschlängelnd wurde sie schmaler und schmaler. Irgendwann verschwand die Mittenmarkierung, bald darauf der Asphalt. Fast da.

 

Durch ein paar Bäume, über ein paar Bolen über einen kleinen Bach und es ging hinunter zur Talsohle. Camping Ganimedes lag vor mir. Dichte Büsche im Kies des ausgetrockneten Flussbettes. In diesem Büschen immer wieder versteckt die einzelnen Campingparzellen. -Parzellen ist schon ein ziemlich "deutsches" Wort in diesem Zusammenhang. Es klingt so nach "Ordnung". Doch hier war die Ordnung der Natur überlassen. Und das machte ganz maßgeblich den Reiz dieses Platzes aus. Der kalte Gebirgsfluss, der den Campingplatz als natürliche Grenze zu den gegenüberliegenden Berghängen einfasste, war kalt und klar. Viele der anwesenden Besucher nutzten die Möglichkeit für ein erfrischendes Bad. 

 

Später am Abend, die Dämmerung zog herauf, saß ich vorm Zelt und etwas sehr Helles rückte in mein Blickfeld. Der riesige Mond war über den Bergen aufgegangen und wirkte zum Greifen nahe. Wann ich ihn das letzte in dieser Größe und Klarheit gesehen habe, ich wüsste es nicht zu sagen.

Mit der aufziehenden Nacht wurde es frisch. Zeit ins Zelt und den warmen Schlafsack zu kriechen. Nichts störte die Ruhe der Nacht. Das Plätschern des Wassers war das Einzige, was an meine Ohren drang und mich schnell einschlafen ließ.

 

Alte Männer müssen in der Nacht die Bettstätte leider öfter mal ungewollt verlassen. So auch ich. Doch, beim Blick nach oben wurde ich mit einem Sternenhimmel belohnt, der an Klarheit und Vielfalt alles bisher gesehene verblassen ließ. Kein Licht einer menschlichen Siedlung konnte diesen Anblick stören. Ein Meer von Sternen mit einer imposanten Milchstraße erstreckte sich zwischen den umgebenden Bergen. Wahrscheinlich klappte mir die Kinnlade herunter, meine Erinnerung hat diesen eher trivialen Teil ausgeblendet.

 

Der nächste Morgen kam mit strahlendem Sonnenschein. Als hätte jemand einen imaginären Lichtschalter betätigt, wurde es zack - in dem Moment hell, als die Sonne über die Berge kam.

Zeit das Weite zu suchen. Dem edlen Vorhaben stand meine morgendliche Trägheit deutlich im Wege. Der erste Weg führte denn auch zum Fluss, Wasser für den "leckeren" Instantkaffee holen. Hat man keine Wahl, hat man... Instantkaffee am Morgen. Wehe es wagt jemand mir damit zu Hause den Start in den Tag zu versauen. Hier war es in Ermangelung von Alternativen eine willkommene Abwechslung zum Standard: Kein Kaffee am Morgen.

 

Die Magie dieses Ortes wollte mich nicht gehen lassen. Statt schnell zusammenzupacken und loszufahren, fand ich immer wieder etwas, das noch irgendwie anders verpackt werden konnte, die Solaranlage hatte das Wasser der Duschen noch nicht aufgewärmt, Gustavo, Kunsthändler aus Santiago kreuzte meinen Weg und bot mir an Katie für die nächsten zwei Wochen bei ihm unterzustellen, es passierten einfach Dinge die meine Abfahrt weiter und weiter hinauszögerten. Und ich war nicht traurig darüber.

 

Letztlich gab es doch kein Entkommen. Die Straße wollte mich wiederhaben. Sich ihrem Ruf zu widersetzen wäre nicht im Sinne der Sache. Die letzten Monate habe ich mein Leben auf ihr verbracht. Und es fühlte sich immer wieder unglaublich frei und ungezwungen an ihrem Ruf zu folgen. Es fühlte sich nach der viel zitierten Freiheit an. Ein Gefühl, mit dem umzugehen und das zu genießen ich erst lernen musste. Doch einmal auf den Geschmack gekommen ist es wie der erste Schluck für den Alkoholiker am Morgen. Nicht daß meine Finger zitterten. Nein. Es war das unausgesprochene Versprechen des neuen Tages. Und Katie war die treue Erfüllungsgehilfin dieser Verlockung. Dieses kleine treue Gefährt, dem ich so viele Kratzer und Macken beigebracht habe. Nie hat sie sich gerächt. Nie hat sie gezickt. 

 

Mit dem Verlassen dieses fast magischen Ortes wurde mir bewusst, dass ich mit jedem weiteren gefahrenen Meter auch dem Ende meiner Reise immer näher kam. Den trübseligen Gedanken wischte ich schnell beiseite. Immerhin hatte ich noch ein paar Kilometer bis Valparaiso, wo ich Katie für die Rückreise nach Deutschland vorbereiten würde. Um die verbliebene Distanz noch etwas auszudehnen beschloss ich nicht über La Serena auf die R5 gen Süden zurückzukehren, sondern stattdessen einen Umweg durch die Berge zu fahren. Statt geradeaus in Richtung Küste, bog ich nach links ab, um einen Bogen in südlicher Richtung zur Küste zu fahren. Das treudoofe Navi mit "Umwegpunkten" zu manipulieren war mir ein Fest.

So fand ich mich recht schnell abseits des Asphaltes in den staubig trockenen Bergen wieder. Schlangengleich wand sich der Weg links und rechts. Kaum dass es mal hundert Meter geradeaus ging.

Stunde um Stunde verstrich. Mit einem weiteren "Wegpunkt" kehrte ich in die Zivilisation zurück. Bislang waren die einzigen Begegnungen ein paar verschreckte Ziegen und Touristen in gemieteten Pickups. 

Immer wieder kamen Asphaltstücken und letztlich war die Straße durchgehend damit bedeckt. Zeit den rechten Griff energischer zu betätigen und Meter gut zu machen. An der Kreuzung zur Küstenstraße angekommen, stellte ich fest, dass mein geplanter Stopp für die Nacht viel zu weit nördlich lag.

 

Planänderungen als Teil des Plans. Zeit diese Floskel wieder mit Leben zu füllen. Tat ich dann auch.

 

Weiter im Süden war ein Campingplatz direkt an der Küste. Mein avisiertes Ziel. Mittlerweile begann es zu dämmern. Vom Ozean zog kühle, feucht-salzige Luft herüber. Der Himmel zog sich zu. In Momenten wie diesen wünschte ich mir oft den Schlafsack über den Kopf ziehen zu können. Doch noch hatte ich nicht einmal einen Platz für die Nacht.

 

Der angepeilte Campingplatz glänzte im unwirtlichen Grau des Abends durch eine Kette, die seine Zufahrt verschloss. Das war dann wohl nichts.

Mr, Bryans Erwähnungen von Übernachtungsmöglichkeiten an Copec Tankstellen entlang der Autobahnen kam mir wieder in Erinnerung. 17 Kilometer weiter war eine solche.

iOverlander versprach auch die Möglichkeit ein Zelt aufzustellen. -Die Vorstellung war so verlockend wie -für mich als regelgewohnten Deutschen- ungewöhnlich.

 

Beim Volltanken sprach ich den netten Tankwart an. Als sei es das Natürlichste der Welt wies er mir einen Platz neben den Tischen und Bänken des Rastplatzes zu. Traumhaft. Duschen, saubere Toiletten, Kaffee und Frühstück, all das versprach dieser Ort, um es am nächsten Morgen auch zu halten.

Die Nacht war zwar laut durch die ankommenden und abfahrenden LKW und ihre Kühlaggregate, doch hey, ich hatte mein kleines Stück Privatsphäre und konnte auf meiner komfortablen Matratze liegen.

27. Februar 2018

 

Nach einer Nacht an der Autobahnraststätte war die warme Dusche am Morgen eine Wohltat. Schön, dass es so etwas gibt. Komischerweise musste ich nicht einmal dafür bezahlen.

 

Wenn man die Warnungen und "Hinweise" zu Südamerika verinnerlicht hat, dann ist es schon ein komisches Gefühl seine ganzen Sachen mehr oder weniger unbeobachtet an einer Tankstelle zurückzulassen und sich in aller Seelenruhe unter die Dusche zu stellen. Aber... Südamerika ist nicht der Kontinent der wandelnden Zombies, die alles rauben und jeden beklauen. Klar, passieren kann immer etwas und wenn der unschöne Fall eintritt, dann ist es ätzend. Jedoch kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen, dass man nicht den Fehler machen sollte sich von Angst den Aufenthalt versauen zu lassen. 

Unterwegs traf ich immer wieder Leute die tatsächlich Opfer von Diebstahl oder Raub geworden sind. Doch war das die deutliche Minderheit. Und wenn ich einen Vergleich ziehen müsste, ich würde mich nicht scheuen Europa dagegen zu stellen. Denn auch in Italien, Spanien oder der der hannoverschen Fußgängerzone kann man eine fremde Hand in seiner Tasche finden. Oder Teile des Inhaltes eben nicht mehr. So ist das leider: Wo Menschen sind, sind auch Idioten.

 

Zwei Kaffee und eine Empanada später war es Zeit das letzte Stück meiner Reise unter die Räder zu nehmen. Bis Valparaiso waren es nur noch etwas über 180 Kilometer. Ich wollte ankommen bevor der Feierabendverkehr losbrach. Das Hostel sollte eine Garage haben und unweit des Busbahnhofes liegen. Das Grau des Vormittages war kalt und die feuchte Luft des Pazifiks kroch mir schnell unter die Kombi. Zeit alle Luken zu schließen.

Kurz bevor ich am Ausgangspunkt meiner Reise ankam, brach die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken. Ein kurzer Schlenker runter von der Mautstrecke, einer kurvigen Straße durch die Berge folgend und kurz darauf erreichte ich Valparaiso. Bereits am frühen Nachmittag standen wir im stockenden Verkehr. Katies Lüfter fauchte und fächelte ihrem Kühler Luft zu. Lange nicht mehr so langsam gestanden.

 

Nach einigen Extrarunden fand ich schließlich das Hostel. Katie abstellen, die wichtigsten Habseligkeiten einsacken und ab ins Zimmer. Das waren die treibenden Motive. Ein paar Chinakracher des Herstellers "Takasaki" (die Raubkopierer sind sich auch für nichts zu schade) standen zusammengepfercht neben Katie. Sie sahen blinkten neu und hatten doch bereits erste Spuren von Verschleiß. Noch bevor sie ein Nummernschild tragen durften, hing ein Blinker abgebrochen herunter, hatten Gewinde bereits Rost angesetzt und zierten Kratzer den jungfräulichen Lack.

 

Im Zimmer angekommen suchte ich mir ein Bett in einer verwinkelten Ecke. Privatsphäre im Mehrbettzimmer, das ging auch hier. Mal wieder verblüfften mich die aufgerufenen Preise und der Umstand, dass ich als Ausländer, wenn ich in US-Dollar bezahlte, keinen weiteren Aufschlag von 19% zahlen musste, wie die Chilenen selbst. 

 

Später, als ich von einem kurzen Streifzug durch die Nachbarschaft zurückkehrte, traf ich auf drei Kiwis, Wie sich herausstellte waren sie die Besitzer der chinesischen Hochleistungskräder.

Sagenhafte 125ccm und bereits auf den ersten 100 Kilometern technische Interessantheiten... Neben dem abvibrierten Blinker leuchtete bei einem anderen Motorrad dauerhaft die Neutralanzeige und der Hinweis, dass der erste Gang eingelegt sei. Unabhängig vom tatsächlich gewählten Gang. Insgesamt erinnerten diese Geräte mehr an Fahrräder, die zu Dutzenden aufgereiht in Baumärkten aufgereiht stehen. Der für sie aufgerufene Preis zielte in die selbe Richtung: Etwas 700 Dollar.

Damit wollten die drei über Argentinien nach Bolivien und weiter.

Einer von ihnen hatte jedoch nur noch zweieinhalb Wochen Zeit zur Verfügung, wollte aber ab La Paz zurückfliegen. Dass ihr geplanter Minimalismus da doch etwas an der Realität vorbeischrammte, wurde an der Stelle ziemlich offensichtlich.

Von Valparaiso durch das argentinische Hinterland bis in den Westen von Bolivien, nach La Paz, würden sie es mit ihren Kekssägen innerhalb dieses Zeitfensters niemals schaffen. Buenos Aires dürfte bereits schwer zu erreichen sein.

 

Da meine Reise endete und die drei doch sehr "luftig"  vorbereitet waren, überließ ich ihnen Sachen, die ich nun nicht mehr benötigte. Das Tarp für mein Zelt, mein Kochgeschirr, dauerelastische Dichtmasse und ein paar Meter selbstverschweißendes Isolierband wechselten den Besitzer. Außerdem machten sie von meinem Bordwerkzeug Gebrauch und sicherten die Muttern und Bolzen ihrer Gepäckträger mit Loctite, um wenigstens den Verlust der wenigen Habseligkeiten, die sie mit sich führten, zu verhindern.

 

So konnte ich mein Gepäck erleichtern und statt die Sachen wegzuschmeißen, fanden sie noch weitere Benutzung bei anderen Reisenden.

19. März 2018

 

In wenigen Tagen werde ich meine Rückreise nach Deutschland antreten. Katie gebe ich übermorgen im Hafen von Valparaiso ab. Die Motivation den Blogg zum Abschluss zu bringen und damit auch das Ende meiner Reise zu markieren, ist gering.

Zu tief sind die viele Eindrücke, die ich von diesem wunderschönen Kontinent mitnehmen kann. Es war ein Privileg und ein ganz besonderer Luxus diese Tour fahren und erleben zu dürfen. Viele tolle Menschen kreuzten meinen Weg, einige wurden Freunde, anderer schöne Erinnerungen. Vielleicht war es gerade der Mix aus Unverbindlichkeit und Verbindlichkeit, der meiner Reise die besondere Würze gab.

 

Unmengen von Fotos und einiges Videomaterial brennen darauf sortiert, bearbeitet und verbreitet zu werden. Viele Sachen die mich begleiteten haben deutliche Spuren der Erlebnisse davongetragen. Sie alle werden mich an die tolle Zeit erinnern wenn ich zurück in der Heimat bin, die sich mittlerweile gar nicht mehr so heimatlich anfühlt. Der Wunsch auszubrechen ist nicht kleiner geworden. Er hat sich vielmehr in einem Traum manifestiert dessen möglicher Umsetzung ich mit Spannung entgegenblicke.

 

Doch zunächst steht der Wiedereinstieg in den deutschen Alltag auf dem Zettel. Einfach wird es sicher nicht. Die Bewertung von dem, was ein Problem ist und was nicht, hat sich verschoben. Maßstäbe haben sich verändert, Prioritäten werden heute anders gesetzt als vor einem halben Jahr. Eins hat sich nicht geändert. Die Fähigkeit zu träumen und Visionen zu entwickeln. Der Antrieb zu Veränderungen, die nicht jeder verstehen und auch nicht jeder gutheißen wird. Aber das ist es wohl, was meine Motivation ist, die begonnen Gedankengänge fortzuführen. Bis zu welchem Punkt, wird die Zukunft zeigen.

 

Diesen Gedanken nachhängend sitze ich nun in Santiago, auf der Dachterasse des Hostels und schaue auf die gegenüberliegenden Berge. Ganz oben liegt Schnee. Wie in Deutschland. Die letzten Tage hier sind angebrochen und damit auch das Ende dieses Blogs. 

 

Es wird noch einen finalen Eintrag geben. Ich bedanke mich an der Stelle schon einmal für die vielen netten Mails die mich erreicht haben und die eifrigen Mitleser. Für Korrekturen (geografisch war ich leider noch nie ein Superstar), Hinweise und Fragen. Es war schön zu wissen, dass ich nie alleine unterwegs war.

Auch für die gelegentlichen Aufforderungen, mich doch endlich mal wieder hinzusetzen und weiterzuschreiben, bedanke ich mich, waren sie für mich doch Zeichen von Interesse wie auch neue Motivation. Dankeschön.

 

Ferner ist es auch an der Zeit mich endlich ausdrücklich bei den Menschen zu bedanken, die diesen Trip ermöglicht haben. Die mir den Rücken freigehalten haben, mir halfen und bei Zweifeln mit Rat und Zuspruch für mich da waren. Euch allen möchte ich an dieser Stelle mein herzliches Dankeschön aussprechen. Ihr seid toll!

 

 

22. März 2018

 

Gestern war es nun Zeit Abschied zu nehmen. Katie hatte ihren Termin im Lager des Transportunternehmens, das sie in einem Container zurück nach Deutschland bringen wird. 

Die kleine Knatterbüchse hatte nach nunmehr 23500 Kilometern wohl auch etwas Sehnsucht nach Hause. Am Ende beschleunigte sie im oberen Drehzahlbereich nur noch ruckelig und eher widerwillig. Wahrscheinlich ist die Einspritzdüse verdreckt oder der vorgelagerte Filter. Das herauszufinden wird ein Job für die heimische Schrauberhöhle sein. Während sie abzugeben ein vollkommen unspektakulärer Vorgang war, merkte ich im Anschluss dann doch recht deutlich, dass mein Warten auf den Rückflug ohne einen fahrbaren Untersatz die individuelle Freiheit sich zu bewegen wann und wohin ich möchte, deutlich einschränkt. 

 

Nun werde ich wohl morgen in Richtung Santiago fahren und dann dort noch ein paar Tage mit Freunden verbringen, ehe am Montag der Flieger über Buenos Aires in Richtung Frankfurt geht. Die Wetternachrichten aus der Heimat feuern mein Bedürfnis zurückzukehren nicht unmittelbar an. Doch es gibt keine andere Möglichkeit. Und auch das scheinbare Grau ist eigentlich nur ein getrübtes "Hell". Denn mit der täglichen Arbeit und den (hoffentlich auch weiterhin) regelmäßigen Gehaltsschecks rückt die nächste Tour in greifbare Nähe. 

Ist das Verlangen nach der Freiheit da draußen erst einmal geweckt, das Leben Unterwegs wenigstens kurz zum Alltag geworden, gibt es kein Zurück mehr. Diese "Krankheit" ist unheilbar. Und das ist gut so.