16. Dezember 2017

 

Gestern verbrachte ich die letzte Nacht in Ecuador. Etwas mehr als 12o Kilometer von der Grenze zu Kolumbien. Mein Plan war es am Morgen früh an der Grenze zu sein, um möglichst in weniger als den 5 Stunden, die Christian und Daniel mit viel Drängelei gebraucht haben, durch zu sein.

 

Soweit der Plan. Ich kam morgens kurz vor 10 Uhr an der Grenze an. Dass ich ankam bemerkte ich am sensationellen Stau, durch den ich mich noch durchmogeln konnte. Unglücklicherweise befand mich aber auf einmal auf der Brücke zwischen Ecuador und Kolumbien. Also bereits im Niemandsland und damit schon zu weit. Gegen den Strom schwimmen "geschieht" mir leider öfter im Leben. So auch hier. Durch die mit "SOAT" Schildern bewaffneten Versicherungsverkäufer für die Haftpflicht in Kolumbien, kämpfte ich mich zurück zu ecuadorianischen Grenzsoldaten, um nach Emigration und Auszollung von Frau Katie aus Ecuador zu fragen. -Einmal quer durch den dreispurigen Grenzverkehr, dahin, wo die vielen Leute standen. Ich dachte mich tritt ein Pferd. Eine Menschenschlange von ungefähr 200m stand vor dem Emigrationsgebäude. Vordrängeln ging nicht. Mit blonden Haaren und einer Jediritteruniform fiel ich -wie immer- auf, wie ein bunter Hund. Vorsichtiges Nachfragen beim feisten, übellaunigen Chef vom Dienst brachte das befürchtete Ergebnis: Hinten anstellen. Ganz hinten. Der Typ war mal wieder ein gutes Beispiel wie Macht offensichtlich nicht all zu schlaue Menschen beeinflussen kann. Und die ließ er gerne an den Ein- und Ausreisewilligen aus.

 

Nach etwa zweieinhalb Stunden Stehen in der prallen Sonne war ich endlich dran. Oder auch nicht. Den mir zugewiesenen Schalter sollte ich wieder räumen, eine Dame hinter mir war plötzlich dran.

Erste innere Wutanfälle überkamen mich. So ein unglaublicher Blödsinn!!! Ich will doch nur Euer Schei*ßland verlassen, Ihr Hackf*essen! -Das dachte ich nur.

 

Als ich dann endlich am selben Schalter dran war, babbelte mich der Gnom hinter Panzerglas voll. Natürlich konnte ich ihn so nicht verstehen. Keine Ahnung, ich reichte meinen Pass durch. Den gab er mir wieder zurück. Nachdem er sich endlich bequemte herumzuschreien konnte ich ihn auch verstehen. -Er wollte NUR meinen Pass, ohne die ganzen Dokumente darin. -"Besser???" schnauzte ich zurück, als ich ihm meinen leeren Pass entgegenwarf. Offensichtlich. Die üblichen dämlichen Fragen... -Wohin, wie lange, blablabla... Dass ich bei der Erinnerung an die Situation noch immer leicht genervt bin dürfte kaum auffallen. Grenzen sind eine der unnützesten Erfindungen der Menschheit.

 

Die Aduana, also die Auszollung von Katie ging deutlich zügiger vonstatten und auch deutlich freundlicher. Das war also Ecuador. Kolumbien wartete schon. Mittlerweile war es richtig warm. Auf der kolumbianischen Seite hieß es anstehen vor einem verschlossenen Gittertor, vor einem festungsähnlichen Gebäude. Irgendwann rief jemand von oben, dass ich auf der Seite der venezuelanischen Touristen anstehe. -Ich sollte auf die andere Seite der Menschentraube gehen, da ginge es schneller. Schikane (nicht gegen mich, sondern gegen die Venezuelaner) gelebt. Was für ein Zirkus.

 

Auf der anderen Seite stand ich nicht weniger. Nach etwa einer Stunde konnte auch ich mich durch das Gittertor drängeln, um am oberen Ende der folgenden Treppe zu erkennen, dass hier weitere 150 Menschen auf ihre Abfertigung warteten. Und die dauerte. Zwei, maximal drei Grenzbeamte schienen die jeweiligen Delinquenten einer verbalen Leibesvisitation zu unterziehen, so langsam ging es vorwärts. Nach einer weiteren Ewigkeit war ich endlich dran.

 

Zum Glück steckte mir Christian noch, dass ich für die kolumbianische Aduana Kopien von Pass, Führerschein und Fahrzeugschein bräuchte. Gut zu wissen. Die SOAT, also die kolumbianische Haftpflicht für Katie konnte ich an einem Hotel etwas die Straße runter kaufen. 24 Dollar für einen Monat. Geschenkt, ich möchte nicht wie in Ecuador ohne herumgurken, zumal sie in Kolumbien Pflicht ist. Auf die Frage von ein paar Halbstarken, ob ich "Gringo" sei, reagierte ich leicht gereizt. Es kamen keine weiteren Fragen.

 

Nun noch Katie zwischen den Koffern, Taschen und sonstigen Habseligkeiten anderer Wartender herausschälen und zur Aduana fahren. Auch hier ein Bild der menschlichen Abgründe. WARUM MÜSSEN WIR MENSCHEN EIGENTLICH OFT SO DÄMLICH SEIN??? Am liebsten hätte ich diese Frage laut herausgeschrien.

Der Zollbeamte saß in einem Büro hinter einer verspiegelten und mit Aufklebern tapezierten Scheibe, an deren unterem Ende eine kleine Luke war. Diese war jedoch so tief, dass ich mich bücken musste, um ihn sehen zu können. Wenn der werte Herr Beamte etwas von mir wissen wollte, klopfte er also mit den Fingern auf den Rahmen der geöffneten Luke. -Hochwohlgeboren wünschten also Auskunft. Was für ein Schwachsinn...

 

Irgendwann hatte ich auch diese Station durch und ging, genervt von den ewig "Cambio, Cambio" schreienden Geldwechslern, zum Motorrad. Es war beinahe 17 Uhr und ich wollte nicht in Ipiales übernachten. Ein Hostel in Pasto, etwa 90km weiter, sollte das Ziel für die Nacht werden. Die Straße wand sich und es dämmerte. Leider fahren die Kolumbianer etwas eigenartig. Überholt wird gerne vor unübersichtlichen Kurven im festen Vertrauen darauf, dass der Gegenverkehr notfalls mit einer Vollbremsung anhält und sich auf den Standstreifen flüchtet.

 

Ich erreichte Pasto im Dunkel. Der Verkehr war durchaus "lebhaft" und mit meinen Taschen war das Durchschlängeln zwischen den Autos und Bussen abenteuerlich. Mittlerweile habe ich mich beinahe daran gewöhnt regelmäßig andere Fahrzeuge zu touchieren und ungerührt weiterzufahren. In dem Punkt muss ich mich in Deutschland definitiv neu kalibrieren...

 

Das Hostel erreichte ich, Parken war leider nicht möglich. Ein paar Blocks weiter konnte ich Katie in einer Tiefgarage für umgerechnet zwei Euro für die Nacht bewacht unterstellen. Auch gut. Das Bett wartete, ich war fertig für den Tag. Und ich brauchte DRINGENDST Schlaf.

 

 

17. Dezember 2017

 

Am Morgen wachte ich nach vollen 8 Stunden Schlaf auf. Der Straßenlärm, die laute Musik, nichts hatte mich stören können.

 

Das sensationelle Frühstück, die heiße Dusche, all das brachte mich zügig zurück ins Leben. Kolumbiens Farben begrüßten mich und den neuen Tag. Das Motorrad holen, auschecken, alles wie immer.

 

Ich stand gerade in der prallen Sonne des neuen Tages, als mich ein älterer Herr ansprach. Es bestehe die Gefahr, dass mein Gepäck hier auf der Straße geklaut werde! -Ich entgegnete, dass ich das nicht glaube. Alles ist mit verschließbaren Gurten gesichert. Mein Gesprächspartner war überaus freundlich und freute sich offensichtlich über etwas Smalltalk auf Spanisch.

Dass ich nur wenig spräche, gab ich ihm zu verstehen. -Nein, nein. Das sei alles ganz prima! entgegnete er und verabschiedete sich freundlich, nicht ohne mir eine gute Reise und viel Glück zu wünschen. Eine solche Szene in Deutschland? Ich würde zumindest sehr misstrauisch reagieren. Hier ist das etwas vollkommen Normales!

Oft werde ich von wildfremden Menschen angesprochen und nach dem Woher, Wohin und so weiter gefragt. Ob auf der Straße, beim Tanken, bei den hier in Kolumbien häufigen Militärkontrollen oder im Stau von einem Taxifahrer. Das ist so erfrischend angenehm und begleitet von einem Lächeln immer wieder toll. So langsam mache ich mir Gedanken, ob ich wirklich nach meiner Rückkehr noch in Deutschland leben kann, ohne aufgrund der ganzen Unfreundlichkeit, der Ellenbogengesellschaft und dem ewigen "Ich, Ich zuerst" Geschreie nicht irgendwann irre werde.

 

Ob im Straßenrestaurant, im Hostel, ob Polizei, Militär, andere Mopedfahrer an der Ampel... -Überall gibt es ein Lächeln und gute Wünsche. "Tolles Motorrad!", "...wie ist die politische Situation in Deutschland? Habt Ihr Kommunismus, Sozialismus oder Kapitalismus (gefragt von einem freundlichen Militärkommandanten, während sein Schießeisen unabsichtlich auf meine Füße zielte...)", all das begleitet von ungeheuchelter Freundlichkeit.

 

Kolumbien ist ein tolles Land. Nicht nur wegen seiner vielen bunten Farben, den exotischen Früchten, den Düften überall und den oft pragmatisch-unkoventionellen Lösungen seiner Bewohner. Vor allem wegen seiner netten Menschen.

 

Ich verließ also Pasto auf einer gut asphaltierten, unendlich kurvigen Straße. In einer Rechtskurve stand auf der Gegenspur an der Leitplanke ein LKW. Im Vorbeifahren konnte ich noch sehen, dass die beiden Insassen das Hinterachsdifferential ausgebaut, geöffnet und an den Straßenrand gelegt hatten. Offensichtlich war es hin. Aufgrund der Szene musste ich laut lachen und hoffte für die beiden, dass sie schnell eine Lösung für ihr Problem finden würden.

 

Ein paar Kurven weiter ein Stau. Den irren Mopedfahrern folgend, schlängelte ich mich schwerfällig wie ein Elefant zwischen den Fahrzeugen durch. Keine Chance, auf ihren motorisierten Fahrrädern fuhren sie mir wenn es eng wurde, einfach um die Ohren.

Irgendwann erreichte auch ich die Unfallstelle. Ein Kleinwagen ohne linken Kotflügel und ohne Vorderrad stand auf der Straße. Bergauf und bergab stauten sich die Fahrzeuge. Wieder war Durchschlängeln angesagt. Irgendwann ging es nur noch in der Betonrinne neben der Straße weiter. Ich sah mich schon wieder auf dem Asphalt liegen...

 

Es folgten Kurven, Kurven, Kurven. Überholen der anderen Fahrzeuge links, rechts, in der Kurve, in der Gerade, wo es halt eben ging. Im Zweifelsfalle zwischen dem überholten und dem entgegenkommenden Fahrzeug. Ging immer, irgendwie. Lediglich bei schweren LKW heißt es aufpassen. Die fahren die Kurven, warum auch immer, gerne so aus, dass es zwischen zwei Fahrzeugen eng wird. Aber für diese Fälle gibt es Bremsen.

 

Bunte Obststände am Straßenrand und es wurde wärmer. Sehr viel wärmer. Das Navi zeigte mir, dass ich mich von 2800 Metern auf 650 Meter heruntergeschraubt hatte. Immer wieder musste ich das Visier öffnen, um unter dem Helm nicht zu überhitzen. Selbst der Fahrtwind konnte nichts mehr zur Kühlung beitragen. Praktisch, dass meine Wasserflasche für die Fahrt noch in Pasto aus dem Gepäcknetz gegen ein geparktes Auto knallte. Anhalten war erst später eine Option, um zu checken, dass Portemonnaie und Handy nicht weggeflogen waren. Dann dämmerte mir was der dumpfe Knall war. Naja. Dann eben ohne Wasserlasche...

Bis es irgendwann einfach nicht mehr ging. Vor einer Holzhütte mit Melonen davor hielt ich an, um den Kühlschrank des kleinen Ladens zu plündern. Gefühlt verdunstete mehr Wasser als ich trinken konnte.

 

Weiter ging es. Die Kurven nahmen kein Ende. Während ich ihrem Lauf folgte, fühlte ich seit langem wieder vollkommene Zufriedenheit. Es war einfach alles richtig. Dass ich alleine durch dieses fremde Land reiste. Dass alles funktionierte. Und die Freundlichkeit, die Farben und die Düfte dieses Landes.

 

Am späten Nachmittag hielt ich an einem bunten Straßenrestaurant an. Auch hier: Überwältigende Freundlichkeit. Für knapp 3 Euro gab es lecker Fleisch mit Vorsuppe. Perfekt. Mehr brauchte ich nicht. Die letzten 70 Kilometer nach Cali standen an. Schon viele Kilometer vor der Stadt begann der Verkehr dichter zu werden. Oft saßen drei Personen auf einem Motorrad oder Moped. Vater vorne, Mutter hinten und dazwischen oft kleine Kinder, die schliefen. Oder Hunde. Oder der Wochenendeinkauf mit einer Palette Eiern ganz oben drauf.

 

Immer wieder begegneten mir Pickups mit Planenaufbauten. Diese wurden jedoch nicht zum Transport von Waren genutzt. Vielmehr befinden sich auf der Ladefläche Bänke. Das sind ganz normale Personentaxis!

 

Auffällig war die bunte und luftige Kleidung der Frauen. Nicht billig, sondern den Temperaturen angepasst. Kaum mal, dass ich Menschen sah, die lotterig gekleidet waren. Dafür fast immer zu luftig für das Motorrad und den irren Verkehr in den Städten. Einen Sturz nur im luftigen Hemdchen mit Flipflops und seine Folgen mochte ich mir zu keiner Zeit vorstellen. Immer wieder musste ich an meinen Sturz denken und wie schnell trotz nasser Straße die gefühlt "kugelsichere" Jacke meiner alten Kombi an der verstärkten Sturzzone des linken Ärmels durch war. Trotzdem konnte ich die Leute verstehen, während ich in meiner Rüstung vor mich hin ölte.

 

Ich erreichte Cali und wie immer hatte mein Navi Schwierigkeiten beim Navigieren auf sich teilenden Straßen. So fuhr ich die obligatorische Extrarunde, bevor ich ein Hostel erreichte, das Katie und mich für die Nacht aufnahm.

 

 

 

 

18. Dezember 2017


Nach einer Nacht in einem Hostel in Cali startete ich am frühen, jedoch viel zu heißen Morgen in Richtung Bogota. Nicht ohne mich beim Einfädeln über den Fußweg auf die Hauptstraße um die Ecke vom Hostel fast auf den Asphalt zu legen. Irgendwie bekam Katie einen Impuls nach rechts zu kippen und ich hatte alle Mühe die Fuhre nicht gleich auf das geparkte Taxi neben mir abzulegen. Wäre kein so guter Start in den Tag gewesen.


485km sollten es bis zum Hostel in Bogota sein, wo Christian und Daniel bereits seit ein paar Tagen waren, um ihre Maschinen zerlegt in einer Holzkiste für den Rückflug nach Deutschland vorzubereiten.

Kurven, Kurven und noch mehr Kurven warteten auf mich. Von 2500m ging es runter auf etwa 300m in eine gefühlte Sauna, um danach wieder auf 3000m hochzufahren, nassgeschwitzt und schnell fröstelnd.


Die Strecke durch die Berge war faszinierend schön und wand sich wie eine Schlange. Offensichtlich gibt es da ein Bauprojekt, bestehend aus vielen Brücken und Tunneln, um den Verkehr zu kanalisieren und zu beschleunigen. Allerdings wirkten einige Bauabschnitte von Büschen und kleinen Bäumen bewuchert und nur halbfertig eher so, als müssten sie vor der Fertigstellung noch abgerissen werden. An anderen Sektionen scheint hingegen fleißig gearbeitet zu werden. Die Länge über viele Kilometer dürfte Zeugnis eines Mammutprojektes sein. Ob der Bau je abgeschlossen sein wird? Auf alle Fälle würde es den Verkehrsfluss enorm beschleunigen. Gerade an den Steigungen quälten sich die oft schwer beladenen LKW und die Rückstaus waren durchaus amtlich... Durch die vielen Kehren war es selbst für mich auf dem Motorrad oft etwas kniffelig zu überholen. Hinterherfahren, die Linie des "Opfers" studieren und dann im richtigen Moment mit viel Gas vorbeischießen. Oft auf der Innenseite einer Spitzkehre, manchmal auf dem Standstreifen, zwischen zwei Fahrzeugen oder eben da wo gerade Platz war. Dabei konnte ich mir das günstige Leistungsgewicht von Katie oft zu nutze machen.


Während die Kilometer purzelten kam ich Bogota immer näher. Beim Erreichen der Stadt kam ich in den dichtesten Berufsverkehr. Irgendwann fand ich mich nur noch zwischen qualmenden Bussen und LKW wieder. Ich sah nicht nur dank der Abgase, sondern einfach wegen der vielen Fahrzeuge teilweise gar nichts mehr. Während ich noch überlegte durch welche Lücken ich mich mit den breiten Taschen zwängen könnte, knallten die Einheimischen mit ihren kleinen Motorrädern wie die Berserker um mich herum. Selbst  mit Sozia (angeblich sind in Kolumbien zwei Männer auf einem Motorrad verboten, von dieser Kombi gingen wohl in der Vergangenheit zu viele Überfälle aus) hinten drauf vollführten die Lokalmatadore eher eine Aneinanderreihung von wilden Stunts als das bei uns in Europa bekannte "Motorradfahren". Vergessen waren die Rolleraufläufe in Italien, die Schwärme von Kleinkrafträdern in Asien. Das hier war anders. Das hier war unglaublich!
Jede sich auftuende Lücke nutzend, rammelte ich durch den dichten Verkehr. Meine Taschen hinterließen mit Sicherheit wieder an dem ein oder anderen Fahrzeug Spuren. Allerdings riss ich diesmal nicht wie in Lima Autoteile ab.

19. Dezember 2017


Während Daniel und Christian heute ihre Zollformalitäten am Flughafen erledigen wollten, war es für mich Zeit mich um die Ersatzteilversorgung von Katie zu kümmern. Die Kette, die ich bereits seit längerem erneuern wollte, war mir in Ecuador einfach mit 270 Dollar nur für die Teile zu teuer.


Der KTM Händler in Bogota war schnell gefunden, allerdings gestaltete sich die Fahrt dahin durch den dichten Verkehr mal wieder... interessant. Für die 10km brauchte ich ungefähr 30 Minuten. Und ich war nicht der Langsamste.
Dort angekommen stellte sich schnell heraus, dass ich Katie auch gleich bis zu meiner geplanten Rückkehr hier lassen konnte. Dann sollte die Kette samt Ritzel und Kettenblatt, das Öl und die Filter erneuert sein und das Ventilspiel kontrolliert, bzw. korrigiert sein. Außerdem vernahm ich seit kurzem beim Kaltstart an der linken Motorseite so ein seltsames Geräusch wie das einer gelängten Steuerkette, die schwingt. Kann eigentlich nicht sein, aber nach Christians "Abenteuer" möchte ich das lieber checken lassen.


Alles kein Problem. Doch ich war auf eine derartige Problemlosigkeit gar nicht vorbereitet. Meine Klamotten waren zum Teil noch in den Taschen, andere Sachen, die ich nicht auf dem geplanten Flug mach Cartagena und der Reise an der Nordküste gebrauchen konnte, hatte ich noch dabei. Aussortieren und Umpacken war angesagt. Also noch einmal durch das Gewimmel zum Hostel im Süden und danach Retour zu KTM.


Der Verkehr wurde dichter, die Rush Hour war in vollem Gange. Zurück im Hostel warf ich schnell alles, was ich für die Tage im Norden brauchte aus den Taschen, andere Sachen wie Zelt, Isomatte und Schlafsack flogen hinein.


Motorrad packen, ein kurzes, freundliches Gespräch mit dem Besitzer des Parkplatzes neben dem Hostel und Feuer.
Ab durchs Getümmel. Bei KTM angekommen konnte ich neben Katie auf meine Kombi und die stinkenden Stiefel da lassen. Perfekt. Nach meiner Rückkehr könnte ich quasi aufsatteln und direkt losfahren.

20. Dezember 2017


Heute hieß es früh raus. Der Flieger nach Cartagena sollte gegen halb zehn starten. Durch die leere Stadt ging es zum Flughafen und, Überraschung, auf meinem Ticket stand, dass ich erst gegen 14:30 Uhr fliegen würde. Was für ein Blödsinn! -schoss es mir durch den Kopf. Leider habe ich höchst selbst diesen Blödsinn verzapft. Mein Rückflug geht früh, der Hinflug nach Cartagena... leider nicht. So ein Mist!


Was tun? Zurück in die Stadt? Immerhin waren es noch knapp 8 Stunden bis zum tatsächlichen Abflug. Eher nicht... Wer weiß was noch dazwischen kommen könnte. Beim Einchecken des Gepäcks dann die freudige Überraschung: Auf dem 9 Uhr Flug waren noch Plätze frei. Die Umbuchung erfolgte fix und ohne Zusatzkosten. Toller Service bei Avianca! Ab zum Gate und... nicht los. Der tatsächliche Abflug verzögerte sich um eine gute Stunde. Egal. Immer noch besser als am späten Nachmittag anzukommen und dann noch die 4 Stunden mit dem Bus nach Santa Marta zu fahren.


Dort angekommen schnappte ich mir ein Taxi zum Terminal von Berlinstur. Eine Stunde im Schatten warten und ab ging es im klimatisierten Sprinter. In Santa Marta angekommen, wieder ein Taxi geschnappt und ab zum Rua Hostel. Doch es gab ein Verständigungsproblem mit dem Fahrer und so fand ich mich am Stadtrand in den ärmeren Gebieten wieder, bis der Chauffeur eine Bergstraße ansteuerte, die von meinem eigentlichen Ziel in Hafennähe immer weiter weg führte. Gott sei Dank sind die Navis für Handys heute echt spitze! Auch das ließ sich also schnell aufklären und endlich waren wir auch in der richtigen Richtung unterwegs.


Das Hostel selbst stellte sich entgegen der näheren Umgebung als echt schickes Teilchen heraus. Neu gemacht mit zwei kleinen Pools, einer oben neben der Bar und ein Zimmer mit sauberen Betten, Ventilatoren an jedem Bett und Klimaanlage. Traumhaft.
Auf der Suche nach etwas Essbaren stolperte ich über die brüchigen Fußwege zum Hafen. Das beständige "Amigo, Amigo..." ging mir schnell so derartig auf den Keks, dass ich die weitere Suche aufgab und den Rückzug antrat. Durch dunkle kleine Seitenstraßen fand ich mich auf in der Nähe des Straßenstrichs. Zeit die Richtung zu wechseln. Lieber einen Block Umweg als noch penetranteres Werben um meine Aufmerksamkeit.
Vor dem Hostel stolperte ich in einen mobilen Grill und schnappte mir zwei Spieße. Noch ein Bier an der Bar und das war es. Ich freute mich darauf am nächsten Tag weiter zu ziehen nach Palomino, wo Daniel bereits wartete.

21. Dezember 2017

 

Genervt von den Erlebnissen der letzten Nacht verließ ich das Rua Hostel nach dem Frühstück, warf meine Tasche über die Schulter und stiefelte los, zur Bushaltestelle. Wie es Kollege Zufall wollte stand der Bus auch schon bereit. Tasche reingeworfen, Abfahrt. Als der Bus die Stadtgrenze passierte, kam der Schaffner herum und kassierte die Tickets ab. Ich teilte ihm mit, dass ich nach Tayrona wolle... Dazu später mehr.


Durch den Dschungel ging es entlang der Küste in Richtung Osten. Links der Pazifik mit seinen Stränden, rechts Berge, Bananenpalmen und immer wieder kleine Orte mit Ständen für eigentlich alles. Von der gebratenen Banane bis zum drülfzigmal geflickten Reifen.


Der Bus erreichte einen Ort, in dem sämtliche offensichtlichen Touristen hinaus hasteten und auf die linke Straßenseite stürmten. Dort befand sich der Eingang zu einem Nationalpark. "Tayrona" las ich. Verdammt, das wäre dann auch mein Halt. Dem Busfahrer konnte ich noch schnell auf die Schulter klopfen und aus dem Bus springen. Da stand ich nun. Navi an, Daniel suchen. Doch... Warum auf einmal noch 45km??? -Weil ich Paddel Palomino mit Tayrona verwechselt hatte. Na wenigstens war die Richtung richtig. Ein kühles Poker und ein paar Minuten später hielt ich einen anderen, etwas kleineren Bus an. Palomino. Endlich. Der Fahrer gab alles und wütete mit dem pfeifenden Bus durch den Dschungel. An einem Militärkontrollposten, holten wir sogar meinen ursprünglichen Bus ein. Respekt! 


In Palomino angekommen, schleppte ich mich mit Sack und Pack durch die nächste Seitenstraße in Richtung Strand. Eineinhalb Kilometer später mit gefühlt drei Kilo Sand in den Schuhen, erreichte ich das Dreamer Hostel. Bisschen kitschiger Name für eine echt schicke Anlage. Mit Pool und Bar erinnert das Ganze eher an ein Resort als an ein Hostel. Überall Hängematten, Palmen und exotische Pflanzen. Und das karibische Meer in Hörweite.


Auf dem Weg zum Strand noch schnell ein paar Bier geschnappt und da war sie also. -Die Karibik. So einfach kann das sein. Unter Palmen fand ich auch Daniel. Ab hier wurde das Programm deutlich vereinfacht: einfach nur im Sand sitzen und auf die Wellen starren. Über uns die Kokosnüsse, das war schon ziemlich perfekt und deutlich entspannter als Santa Marta.


Später am Abend, der Strom fiel immer mal wieder aus, stapften wir noch auf eine Kokusnuss und ein, zwei Bier zum Strand. Auch hier wurde es immer wieder plötzlich dunkel. Im Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung in der Dunkelheit.  Da krabbelte etwas Längliches neben uns durch den Sand. -Ein grüner Leguan war auf dem Weg zu einem nächtlichen Bad im Ozean. Nicht jedoch ohne vorher von uns abgelichtet zu werden.

 

Als ich endlich ins Bett fiel, stellte ich fest, dass die Klimaanlage leider durch Nichtfunkion auffiel. -Mal wieder Stromausfall. Es wurde warm. Fantastisch...

22. Dezember 2017

 

Wenn man nichts zu tun hat, die Sonne brennt und eigentlich nur ein Aufenthalt im Wasser ratsam ist, sollte man dem Ruf einfach folgen. Taten wir. Heute stand Tubing an. Auf aufgeblasenen Traktor- und LKW-Schläuchen gemächlich den Palomino River bis zur Mündung ins Meer schippern. 

Die Horden der mit armen, kleinen Mopeds bewaffneten Halbwilden gierten vor dem Hostel bis zur Hauptstraße nach Kundschaft. Nach kurzer Feilscherei ging es auf wild bockenden Kekssägen über abenteuerliche Pfade. Die obligatorische Schwimmweste und der Schlauch über der Schulter suggerierten so etwas wie Sicherheit im Falle eines Abstieges. Genauer wollte ich mich jedoch nicht mit dem Gedanken auseinandersetzen. Über mit Steinen gepflasterten Urwaldpfade ging es rein in den Busch. Irgendwann endete der befahrbare Pfad. Respekt. Gäbe man den Jungs unsere Enduros, ich glaube wir würden keine Sonne sehen. Mit traumwandlerischer Sicherheit knatterten sie über Stock und Stein. Besonders Stein(e). Ständig schlug die hintere Federung durch, mein Diätprogramm reichte also doch nicht aus.

 

Die letzte halbe Stunde bis zum Wasser ging es über steile und schmale Trampelpfade. Die schwüle Hitze fühlte sich an, als ob die Unterwasseratmung nun zum menschlichen Repertoire gehörte. Unglaublich. 

Mit dem Erreichen des Flusses gab es kein Zögern mehr. Schlauch ins Wasser und rein. Deibel war das frisch! Aber gut! Die Koordination von Rucksack und Schwimmweste im Zusammenspiel mit dem bockigen Schlauch gestaltete sich unerwartet herausfordernd. Mehrfach warf mich das Aas ab. Natürlich im Flachwasser was zu einem kleinen Löchlein in meinem Schlauch und diversen Kratzern an meiner Fassade führte. Gehörte wohl dazu. Der Finger auf dem pfeifenden Löchlein konnte den totalen Luftverlust zumindest etwas herauszögern. Ich malte mir gute Chancen aus es bis zur Mündung zu schaffen.

 

Der Fluss floss träge in Richtung Meer. Es war die Zeit des Niedrigwassers. Gemächlich trieben wir durch den Urwald. Unvermeidlich der regelmäßige Kontakt mit über die Böschung hängenden Ästen und Büschen. Tja... Wer pennt bekommt eins mit dem Stock.

 

Nach zwei entspannten Stunden wurde das Rauschen des Meeres immer lauter. Die Tour endete am Strand. So kann man -wassergekühlt- auch einen heißen Tag rumbringen. José, unser Guide bemerkte wohl unsere sehnsüchtigen Blicke in die Kronen der Kokospalmen. Ohne viel Federlesen schwang er sich den Stamm einer Palme hoch und warf vier Nüsse runter. Fantastisch. Und selbstgeklaut schmeckt bekanntermaßen am besten!

23. Dezember 2017

 

Heute hieß es Abschied nehmen von Palomino. Meine jüngere Schwester und ihr Freund hatten sich angekündigt. Bevor ich mich in den Bus in Richtung Tayrona schwang, hieß es noch die liquiden Mittel etwas aufbessern. Da meine Ausstrahlung dafür alleine am Straßenrand eher nicht ausreicht und auch meine Talente zur monetären Vermehrung der vorhandenen Mittel durch Gaukeleien am Straßenrand eher extrem bescheiden sind, blieb nur die Suche nach einer geldspuckenden Maschine. Gemeinhin "Bankomat" genannt. Der nächste war im 21 Kilometer entfernten Mingueo. Allerdings in der entgegengesetzten Richtung meines Tageszieles. Egal. Ein Bus fuhr seltsamerweise nicht, dafür bemühte sich der Fahrer eines uralten Mazda 626 aus den frühen Neunzigern um unsere Gunst. Klar, für 4000 Pesos pro Nase ein echter Schnapper. Warum, merkten wir schnell. Der alte Kutter humpelte maximal auf drei Zylindern durch die Gegend. Und der Sprit für den vierten Topf wurde wohl statt den Motor irgendwo hin in die Gegend gespritzt. Die Schüttel stank wie ein umgekippter Spritkanister. Der Versuch meinen Kopf aus dem Fenster zu halten und mit frischer Luft zu versorgen wurde durch die austretenden Abgase der undichten Auspuffanlage vereitelt. Die Qual der Wahl also. High von den Spritdämpfen oder platt von den Abgasen. Dazwischen gab es nichts. Zum Glück waren die Fenster bereits offen. Bis auf das an Daniels Seite...

Türöffner gab's auch nicht mehr. Dafür baumelten Schnüre aus den Ausschnitten der Türverkleidung. Ok, Porsche hat das bei seinen RS-Modellen als Teil des Leichtbaupaketes für teuer Geld angeboten. Hier gab's das Feature umsonst.

 

Als wie Mingueo erreichten, gab es nur noch eins: Den alles dominierenden Wunsch das rollende Spritfass zu verlassen. Notfalls durch die geschlossene Tür. Der Fahrer versuchte uns noch zur Weiterfahrt zu überreden, aber die 150 Meter bis zum Bankomaten setzten wir lieber auf zwei gesunden Füßen als in einem waidwund gefahrenen Auto fort.

 

Beim Versuch zurück zu kommen, tauchte wieder besagter Mazda auf und steuerte fröhlich hupend auf uns zu. Wir lehnten dankend ab. Verrückt ja, wahnsinnig nein.

 

Einer der Überlandbusse nahm uns schließlich mit. Nach der Entrichtung des Gringozuschlags (Faktor 2 des regulären Preises) rollten wir los. Beschwerden bei der Schaffnerin liefen ins Leere. Der Einheimische, der uns vorher auf den Beschiss aufmerksam gemacht hatte, war auf einmal ganz kleinlaut. Daniel raunte mir ins Ohr, dass er ihm sagte wir sollten den Fahrer direkt ansprechen und meinen großen Wirbel um die Sache machen. Tolle Wurst, der Typ hatte ein Lenkrad in den Händen und den Irrsin des hiesigen Verkehrs vor Augen. Dass zwei Gringos ihm ihre Beschwerden ins Ohr stammelten war bestimmt genau das, was ihm jetzt noch zum Glück fehlte.

 

In Palomino verabschiedeten wir uns. Daniel würde bis zu seinem Rückflug nach Deutschland noch etwas hier bleiben, ich musste weiter in die Nähe von Tayrona.

 

Am Abend erreichten zwei erschöpfte Gestalten das neue Hostel für die nächsten zwei Tage. Katharina und André kamen an, Weihnachten konnte auch kommen.

 

24. Dezember 2017

 

Statt Weihnachten bei Braten und Tannenbaum zu Hause herumzuhängen bis der eigene Körper zur schwer für die Beine wird, beschlossen wir den Tayrona Nationalpark zu erkunden.

 

Begrüßt vom Lärm der Büllaffen in den Bäumen, ging's mit den allgegenwärtigen Colectivos in den Park. Die Fahrt endete und weiter ging es auf Schusters Rappen. Über Steine und durch Mangrovenwälder, durch Sand und tiefen Urwald, erreichten wir nach eineinhalb Stunden Fußmarsch den Strand. Viel los war nicht, perfekt. Das war der Moment die im Wald ergaunerten Kokosnüsse zu knacken, wozu ein Leatherman mit Säge ungemein praktisch ist. -Was die Einheimischen mit einer Machete können, kann der bis an die Zähne mit multifunktionalen Werkzeugen bewaffnete Mitteleuropäer schon lange. Nur eben nicht so schnell.

 

Die Gammelei im Sand war eine willkommen Fortsetzung meines bisherigen Tagewerkes. Hauptsache tranquilo.

 

Am Nachmittag war es Zeit den Fußmarsch zum Sammelpunkt der Colectivos anzutreten, um noch aus dem Park herauszukommen. Leider war es nicht nur für uns Zeit die Hufe zu schwingen, auch die lästigen Moskitos hatten die einsetzende Dämmerung offensichtlich als Startsignal für ihr schändliches Treiben verstanden und fielen in Scharen über uns her. Die Vertreter des größten evolutionären Unfalls waren eifrigst dabei uns den Abend zu verkürzen.

25. Dezember 2017

 

Am ersten Weihnachtsfeiertag hieß es Abschied nehmen von der Nordküste Kolumbiens. Per Bus ging es weiter über Santa Marta und Cartagena. Bis in die Dunkelheit ging die Fahrt mit dem Reisebus. Am Ende folgte noch eine Taxifahrt quer durch Cartagena. Der abendliche Wahnsinn tobte in Form von wild hupenden Bussen, ameisengleichen Kleinmotorrädern und dazwischen herumstolpernden Autos. Die Schaffner der Busse zergelten an Passanten herum, um sie zu motivieren doch in den Bus zu steigen, während die Fahrer in Anflügen von vollendetem Wahnsinn alles aus den bunten Kisten herausholten. Andere Verkehrsteilnehmer waren gut damit beraten das Weite zu suchen.

 

Um dem tobenden Wahnsinn auf der Hauptstraße zu entgehen, bahnte sich der Taxifahrer in stoischer Ruhe den Weg durch die ärmeren Viertel Cartagenas. Hier pulsierte das Leben noch eine Spur wilder. Es war faszinierend das bunte Treiben zu beobachten. Zu gerne wäre ich ausgestiegen und hätte mich unter die Leute gemischt. Wahrscheinlich wäre ich mit meinen blonden Haaren jedoch mal wieder aufgefallen wie ein bunter Hund... 

 

Das Hostel erreichten wir und was folgte waren eine Pizza, ein paar Bier und komaähnlicher Schlaf.

 

26. Dezember 2017

 

Cartagena begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen. Auf dem Weg in die von alten Mauern umgebene Altstadt brannte mir fast der Pelz auf dem Schädel weg. Ein Polizistenpärchen hielt auf dem Motorrad neben uns und wies uns darauf hin, dass es besonders am Strand nicht ganz ungefährlich sei mit Handy und Handtaschen entlang zu schlendern. Wenigstens einer sollte immer die Augen offen halten. Oder wir ließen die Taschen gleich im Hostel.

 

Wir waren wachsam und die historische Altstadt entschädigte mit unglaublich schönen Gebäuden im Kolonialstil, bunten Farben und einfach einem unglaublich faszinierenden Flair. Das zu beschreiben ist mit Worten eigentlich müßig. Die Bilder sprechen für sich.

 

Der Tag war klasse.  Das einzige was störte -und das ist eigentlich überall so wo Touristen herumkreuzen, waren die vielen fliegenden Händler, die nicht müde wurden mit "Amigo, Amigo" Rufen auf sich aufmerksam zu machen, um ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen. Sei es das kalte Wasser, Hüte, Früchte oder was auch immer.

28. Dezember 2017

 

Heute hieß es "bye bye" Cartagena. Wirklich schwer fiel der Abschied nicht. Außer der tollen Altstadt mit ihren Kolonialbauten hatte die Stadt jetzt auch nicht so viel zu bieten. Die Mücken hatten uns aufgefressen und das Hostel war doch deutlich... naja.

 

Also ab zum Flughafen, in den Flieger und in die Hauptstadt Kolumbiens.

 

Der Flug dauerte nur etwas über eine Stunde und als wir in Bogota landeten, war die Stadt mit Wolken verhangen. Die Temperaturen waren doch deutlich niedriger als an der Nordküste. -Es war geradezu fröstelig. Wo war eigentlich die Sonne geblieben?

 

Ab zum Hostel, was durch die vielen Einbahnstraßen im Viertel la Candelaria gar nicht so einfach war.

 

Die Nachfrage bei KTM, ob Frau Katie bereits abholbereit sei, wurde mit einem aufgeschreckten "Wir haben die Kette noch nicht!" quittiert. Also heute nix mehr. 

 

Auch gut. Wir schlenderten zu einerm lokalen Restaurant um die Ecke. Danach entdeckten wir zufällig einen französischen Bäcker. Mit leckerstem Kaffee und feinsten Backwaren. Wenn ich hier leben würde, das wäre mein Zweitwohnsitz.

 

Da ich die Nacht zuvor kaum geschlafen hatte, kam mir der Müßiggang gar nicht so ungelegen. 

 

Am Folgetag dann nach einigem Hin und Her doch die erlösende Botschaft: Katie ist fertig und zur Abholung bereit. Im strömenden Regen bestieg ich das Taxi. Nach über einer Woche konnte ich die kleine Österreicherin wieder abholen. Ein bisschen hat sie mir schon gefehlt. Besonders die Flexibilität zu Orten zu fahren, wo Busse nur begrenzt oder gar nicht verkehren. Oder eben auch von Orten zu verschwinden, die nicht so toll waren. 

Die Kette war neu, die große Inspektion gemacht. Nach nunmehr 15.000km wäre sie eigentlich noch gar nicht fällig gewesen, aber frisches Öl und ein Check der Ventile schadeten nicht. 

 

Am Abend waren wir mit Juliana und Monika verabredet. Juliana wäre normalerweise meine, bzw. Katies "Unterstellmöglichkeit" gewesen, während ich mich über Weihnachen an die Küste verdrückte.

Der Abend begann in einer stylischen Bar mit Live Musik und endete in einem kubanischen Tanzschuppen mit Band. Hervorragend. Zumal wir selbst die Läden nie gefunden hätten.

 

Für den nächsten Morgen stand der Besuch eines großen Fruchtmarktes auf dem Zettel. Genau mein Ding. Die vielen bunten Stände und die exotischen Früchte haben mich schon seit Ecuador immer wieder fasziniert. Nun auch mit Führung durch die Locals, besser konnte es kaum kommen. Und es kam super. Mit einem Sack voller Früchte suchten wir uns eine ruhige Ecke, um die Beute zu verspeisen, die geschmacklich so unterschiedlich war wie ihr Aussehen.

 

Zurück in la Candelaria zeigte uns Monika noch einige Highlights der hiesigen Graffitis, die uns ohne Hinweise gar nicht aufgefallen wären, obwohl zumindest ich bereits mehrfach an einigen von ihnen vorbeimarschiert war. In einem kleinen französischen Restaurant endete unsere Tour bei leckersten Kombinationen aus französischer und kolumbianischer Küche.

 

Weiter ging's zu Bogota Bike Tours, um die Stadt auf dem Fahrrad zu erkunden. Die Gruppe war riesig, die Drahtesel eher abgehalftert. Am besten waren die Helme. Viel zu klein saß meiner wie eine Kokosnusschale. Egal, als Tourist sieht man meistens etwas panne aus.

 

Leider war unser Guide intensiv mit seinem Telefon beschäftigt und immer wieder wurden seine Darlegungen zu Geschichte und Entwicklung der Stadt von Telefonaten unterbrochen. Nun ja. Viel reden gehört hier dazu.

 

An einem weiteren Fruchtmarkt angekommen, gab es erst mal etwas zu probieren. Da wir bereits am Vormittag reichlich Früchte verspeist hatten, war's nun leider nichts Besonderes mehr.

Unser Guide drängte zum Aufbruch, graue Wolken und Donner kündigten Regen an. -Der leider nicht mehr lange auf sich warten ließ. Ziemlich zügig klatschten dicke Tropfen, begleitete von Graupel auf uns herunter. Unter einem Hausvorsprung fanden wir etwas Schutz und bekamen bunte Folienponchos. Der Regen wurde zwischenzeitlich immer stärker. Wieder hieß es: "Abfahrt!" Eigentlich ziemlich bescheuert, wir waren die Einzigen auf der Straße um durch Sturzbäche und tiefe Wasserlachen zu radeln. Die Einheimischen konnten sich ihren Spott nicht verkneifen. Irgendwie nachvollziehbar. 

Als wir in einer Kaffeerösterei ankamen, waren alle bis auf die Knochen nass. Bei den Temperaturen wurde es auch schnell kalt. Die Lust an der weiteren Entdeckung Bogotas bewegte sich zügigst ins Untergeschoss. 

Recht lieblos ging die Tour weiter. An Graffities vorbei, durch die von verschiedenen Baustilen geprägten Viertel und nach nur drei Stunden war dann auch schon Schluss. Naja... 

 

Egal. Bogota ist trotzdem immer eine Reise wert. Morgen geht's weiter nach Medellin. Katharina und André mit dem Flieger, ich werde die 430 Kilometer mit Katie absolvieren. Vollgetankt steht sie und wartet auf den morgigen Ritt. 

 

31. Dezember 2017

 

Der letzte Tag des Jahres brach an. Katharina und André verließen früh am Morgen das Hotel. Ich brauchte noch ein wenig um in Schwung zu kommen. Bevor ich die Stadt verließ, wollte ich mich noch mit Juliana und Monika zum Frühstück treffen. 

 

Das Beladen von Katie dauerte gefühlt Jahre. Das "Packroutinephänomen" zeigte sich wieder. -Wenn ich eine Weile am Stück unterwegs war, ging das morgendliche Packen zunehmend schneller und auch effizienter. Nach einer Weile kam ich gar ins Grübeln, ob ich nicht etwas vergessen hatte. Immer leichter ließen sich die Taschen packen und der Inhalt nahm gefühlt immer weniger Raum ein.

Unterbrach ich meine Reise mit dem Motorrad jedoch für eine Weile hatte ich anfangs Schwierigkeiten alles unterzukriegen. So auch heute. Als ich endlich losrollen konnte, wurde meine Route durch eine Straßensperre und bewaffnete Soldaten unterbrochen. Beim Versuch auszuweichen kam ich an immer neue Straßensperren. Während mein Navi fleißig alternative Routen berechnete, schlängelte ich mich durch die vielen Busse, die auf der Hauptstraße nach Norden unterwegs waren.

 

Nach einem leckeren Cappuchino und einem waremen Croissant verabschiedete ich mich und fuhr los. Bogota verabschiedete mich mit strömenden Regen. Die vierspurige Schnellstraße ließ die Zahl der zu fahrenden Kilometer schnell sinken. Ein erster Unfall auf der kurvigen und regennassen Strecke, ich hatte Glück früh am Ort des Geschehens zu sein. So konnte ich das auf dem Dach liegende Auto schnell passieren, während sich vor der Unfallstelle der Verkehr begann zu stauen. 

 

Der Regen ließ nach und die Strecke wurde kurviger. Viel kurviger. Wunderbar. Allerdings wurde es auch wärmer. Viiiieeeel wärmer. Bei einem kurzen Stopp merkte ich wie warm es ohne den Fahrtwind bereits war. Auf der Straße lag ein Leguan auf dem Rücken, die Vorderbeine andächtig gekreuzt. Leider schlief er den letzten Schlaf. 

 

Aus der niedrig gelegenen Ebene ging es zurück in den Urwald. Die Temperaturen fielen auf ein angenehmes Maß und die Landschaft wurde durch die untergehende Sonne in ein wunderschönes Licht getaucht. Immer wieder passierte ich Szenen, die mich normalerweise die Kamera hätten zücken lassen. Leider kündigte sich der Abend an und bis Medellin waren es noch einige Kilometer. Meinen Vorsatz nicht mehr in der Dunkelheit zu fahren, sah ich -mal wieder- als das was, gute Vorsätze oft sind...

 

Ich erreichte Medellin und fand unseren Treffpunkt recht zügig. Es war Silvester. Doch irgendwie war das so weit weg, es hätte auch ein ganz normaler Abend sein können. Die Stadt schlief, alle Restaurants in der Umgebung waren geschlossen. Lediglich das Knallen von Raketen und Böllern zeugte vom anstehenden Jahreswechsel, den wir nach einigem Hin und Her auf der Dachterrasse des Hotels verbrachten. Die Lichter der Stadt, die sich die Hänge der Berge hinauf ziehen und die Feuerwerke gaben ein faszinierendes Bild ab.

01. Januar 2018

 

Der erste Tag des neuen Jahres brach an und es war Zeit Medellin zu erkunden. Zunächst ging es mit der Seilbahn hoch über die Stadt. In der Gondel trafen wir einen jungen und sympathischen Typen, der uns ansprach. Woher wir kämen, was wir vor hätten und so weiter. Er erzählte uns etwas über die Stadt und dass angeblich vor fünf Jahren aus den ärmeren Vierteln, über die die Strecke verläuft, hin und wieder auf die Gondeln geschossen wurde. -Man wollte wohl eher unbeobachtet bleiben. Überhaupt war es nicht schwer auf Zeugnisse von Medellins bewegter Geschichte zu treffen. So zum Beispiel auf die Comuna 13, die ehemalige Hochburg von Mord und Totschlag. Die (teilweise gewaltsame) Befriedung des Viertels liegt noch gar nicht so lange zurück.

Heute beherbergt das Viertel die insgesamt längste Freiluftrolltreppe der Welt, die, in sechs Segmente unterteilt, eine Höhe von 28 Stockwerken überbrückt und so den Zugang für zu dem am steilen Hang gelegene Viertel deutlich erleichtert.

 

Die Graffititour durch das einst als das gefährlichste Viertel der Welt geltende Quartier zeugt von der Lebensfreude und der Liebe zum Hier und Jetzt. Auch heute noch ist dem Viertel mit seinen Wellblechhütten anzusehen, dass es eher zu den ärmeren Gegenden gehört. Trotzdem. Die letzten Jahre haben einen enormen Wandel bewirkt. Von Sumpf zu einem bunten und pulsierenden Viertel voller Aufbruchstimmung, Leben und Lachen. Seine Bewohner haben sich Comuna 13 zurückerobert.

 

Die bunten Wände und Dächer mit ihren vielen Motiven zeugen auch von der Liebe der Bewohner zu ihrem Viertel und sollten bei keinem Besuch der Stadt ausgelassen werden. Es wäre Frevel.

 

Zurück in Richtung Zentrum ging es mit der super funktionierenden Metro. -Es kann so einfach sein! Und das in einer Metropole, deren Image alles anhaftet, aber kein funktionierendes öffentliches Nahverkehrssystem. Ziel war der Parque Arví. Mit einer weiteren Seilbahn ging es steil nach oben. Über die Randbezirke der Stadt mit ihrem Leben, der lauten Musik in jedem einzelnen Straßenzug. den bunt blinkenden Lichtern der Weihnachtsdekoration auf den Straßen. Hinweg über die ärmlicher und spärlicher werdenden Behausungen an den oberen Rändern der Bergflanke über undurchdringlich erscheinenden Urwald. Oben angekommen, dauerte es nicht lange und aus den aufziehenden dunklen Wolken ergoss sich ein kräftiger Schauer über uns. Zunächst flüchteten wir uns unter das Vordach einer zu Anschauungszwecken nachgebauten Lehmhütte. Ein kurzes Abflauen des Regens nutzend, stürzten wir zurück zur Seilbahnstation. Als wir endlich im Wartebereich der Gondeln waren, klatschte es kurz, dann krachte es und wir konnten sehen, dass soeben ein Blitz in die Station eingeschlagen hatte. -Nicht schlecht! Nach der verkürzten Wanderung nun also doch noch etwas Action. Und klatsch, ein zweiter Blitz traf die Station. Leider dauerte es nun nicht mehr lange bis die Durchsage kam, dass das System aufgrund dessen komplett heruntergefahren und neu gestartet werden müsste. Der Gondelbetrieb würde umgehend eingestellt werden, Mindestdauer eine halbe Stunde.

 

Also warten. Etwas angeweicht in der zugigen Gondelstation mit hunderten anderer Besucher des Parks. Wenigstens konnten wir mittlerweile auf einer Mauer sitzen während andere Leute im Eingangsbereich ausharren mussten.

 

Auch das ging vorbei und als die Gondel wieder anfuhr brandete Jubel durch die Halle. Es dauerte nicht lange und wir waren wieder unten. Der Regen dauerte an, die Party im Viertel auch. Ab zur Metrostation, dann noch einen Bus und wir erreichten das Hotel. Morgen würde es weiter nach Guatapé gehen. Juliana hatte uns den Besuch der nur 90km von Medellin entfernten Stadt mit ihrem Stausee und dem bizarr über die Landschaft ragenden Berg empfohlen.  

 

 

2. Januar 2018

 

Mit dem Morgen des neuen Tages war es mal wieder Zeit weiter zu ziehen. Die Highlights von Medellin hatten wir gesehen und sie waren beeindruckend. 

 

Bis Guatapé waren es nur 90 Kilometer. Ein entspannter Fahrtag. In Sichtweite des El Penon, eines der Wahrzeichen von Guatapé war es Zeit für eine Pause. An einem Straßenrestaurand hielt ich an. Drinnen angekommen, wurde ich auch sogleich in ein angeregtes Gesprächt mit meinem Tischnachbarn verwickelt. Genau dafür mag ich Kolumbien und seine Bewohner so sehr. -Es ist so herrlich unkompliziert mit ihnen ins Gespräch zu kommen! So wenig Spanisch reicht schon aus und man verlässt den Ort mit dem Gefühl kein Fremder mehr zu sein.

 

10 Kilometer vor dem Ort dann die Überraschung. Mein Navi meinte, ich sollte die Hauptstraße nach rechts verlassen und einen Feldweg entlang des Stausees nehmen. Nun gut, ich wunderte mich doch wusste es ohnehin nicht besser. Der Weg wurde steiniger und ich erreichte eine Hängebrücke. Das Fahrgefühl darauf war schon ungewohnt, doch irgendwie witzig. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ging es einen steilen, steinigen und etwas aufgeweichten Hang in den Wald hinauf. Der Untergrund wurde immer schmieriger. Die rote Erde war aufgeweicht vom täglichen Regen und wie Seife. Wenn gr0ße Jungs im Schlamm spielen dürfen...

 

Durch die Wälder ging es vorbei an hübschen Grundstücken mit Häusern, die irgendwie an Wochenendhäuser erinnerten. Links der Blick auf den Stausee und da war es: Das Casa Encuentro Hostel. Ein wunderschön gestalteter Platz mit Blick über den See. Alles farbenfroh und mit viel Liebe und Fantasie gemacht. Die Betreiber haben es geschafft einen wunderschönen Ort zum Ausruhen, zum Entdecken oder auch zum Abenteuern zu gestalten. Besonders die Tour zu den "Hidden Waterfalls"  mit Andres ist eine unbedingte Empfehlung. Ich hätte glatt dort bleiben können. Doch dazu später mehr.

 

Abends tigerten wir noch nach Guatapé hinunter. Die Stadt sprüht förmlich vor Leben. Überall Farben, Kunst und buntes Leben. Wunderschön, vor allem wenn mir Freunde gerade Bilder aus dem nasskalten und grauen Deutschland schicken. Das Essen typisch kolumbianisch, die Säfte frisch gepresst, der Kaffee endlich wieder lecker. Ein Traum.

 

Am nächsten Tag stand dann die Tour zu den Wasserfällen an. Zunächst ging es 12 Kilometer durch die grüne Landschaft bergab, dann marschierten wir noch eine halbe Stunde über Weiden, durch Urwald und... erreichten einen Fluss, versteckt im Grün des Waldes. Die letzte Nacht fiel Regen und so war der Wasserfall oberhalb der Stelle, an der wir ins kühle Wasser rutschten, recht stark. Die Strömung war stärker als erwartet und so spülte es zwei von uns gleich über ein paar Steine. Blaue Flecken und Abschürfungen inklusive, doch das gehört schon seit der Kindheit dazu. Andres, unser Guide, hatte frisches Obst mitgebracht. Auf einem Stein mitten im Fluss verspeisten wir Ananas, Kokosnuss, Karotten und mehr. Voll wie wir waren war es Zeit sich einen Platz auf einem der Steine im Fluss zu suchen, um einfach nichts zu tun. Im hektischen Alltag kommt das viel zu kurz. Das Rauschen des Flusses, die Sonne, die vollen Bäuche, Müdigkeit und Trägheit machten sich breit.

 

Auf dem Rückweg stoppten wir noch in einem der typischen lokalen Restaurants. Frische Fischsuppe, Hühnchen vom Grill und Avocado, einfach lecker. Einen Kaffee später auf dem lauten Marktplatz mit dröhnender Musik (die Kolumbianer brauchen es laut), war es Zeit zurück zum Hostel zu fahren. Obwohl wir eigentlich nur faul in der Sonne herumgelegen hatten, waren wir platt wie die Flundern. 

 

 

06. Januar 2018

 

In den letzten Tagen waren wir recht viel unterwegs. Von Guatapé ging es weiter nach Manizales. Während Katharina und André noch deutlich länger mit dem Bus unterwegs waren, kam ich vor der Dämmerung in der Stadt an. Manizales begrüßte mich wie die meisten südamerikanischen Städte mit Wooling, Chaos und vor allem Dreck in der Luft. Während bei uns breite Schichten der Öffentlichkeit bereits bei der Erwähnung des Wortes "Feinstaub" in kollektive Ohnmacht fallen und jutebeutelbewaffnete Gutmenschen ihre Kinder einsperren, um sie vor der zerstörten Umwelt zu schützen, leben die Menschen hier mit Luft, die das Rauchen als zusätzliche Lungenschädigung schlicht überflüssig macht. Man sieht auch tatsächlich kaum Raucher. Könnte damit zusammenhängen.

 

Auch in Manizales stellte das Gewirr von Einbahnstraßen mein Navi und mich vor eine schwere Herausforderung. Als ich unser Hostel schließlich ausfindig gemacht hatte wurde mir schnell klar, dass mit Parken hier nix ist. Noch eine Runde um den Block, nein zwei, nein drei Blöcke und dann noch ein paar Schleifen, das Problem mit den Einbahnstraßen... Genervt stellte ich Katie um die Ecke vor den Wellblechständen einiger Straßenhändler ab und stapfte ins Hostel. Zwei nette, aber offensichtlich mit der Frage nach einer Parkmöglichkeit doch etwas überforderte Mädels, versuchten mir nach bestem Wissen und Gewissen zu erklären wo ein Parquadero sei und vor allem wie ich da hin komme. Frustriert stiefelte ich zurück auf die Straße, um das Problem auf meine Weise zu lösen. Das stellte sich jedoch schnell als nicht besonders effektiv heraus. In der ersten Tiefgarage beschied mir ein lustlos wirkender Herr hinter einem Schreibtisch, dass sein nicht halbvoller Parkplatz voll sei. Fantastisch. Die Stadt wurde mir immer sympathischer. 

Beim nächsten Anlauf wurde mir beschieden, dass ich es zwei Eingänge weiter versuchen sollte, man sei voll, mein Motorrad zu groß, blablabla... Zwei Einfahrten weiter: "...Motorrad zu groß, blablabla..." -Gegenfrage von mir:" Geht oder geht nicht, ist doch eigentlich ganz einfach!" Darauf wurde mir erklärt wie das Fundament des Hauses ausgehoben wurde, um eine Tiefgarages zu bauen... -Nein, Quatsch. Mir wurde wiederum ausschweifend erklärt, dass mein Motorrad zu groß sei. Leicht genervt entgegnete ich, dass das Blödsinn sei, ich hätte nur Taschen dabei. "Nein, das Motorrad ist zu groß und wir können es nicht rangieren! Das nimmt soviel Platz weg wie ein Auto." Ich: "Und nun?" Er: "Dafür müssen wir Dir den Preis eines Autos berechnen." Daher wehte der Wind also! Gegenauskunft, Helm zu, Zündschlüssel umdrehen und mit extra viel Gas aus der vor Krawall berstenden Halle raus. Blödfön. War ich geladen!

 

Da auch meine monetären Barbestände eigentlich nichts mehr erlaubten, parkte ich auf einem freien Platz vor zwei Banken und versuchte mein Glück in den Casinos des Großkapitals. Erster Automat: Fehlanzeige. Nix geht mehr. Zweiter Automat: Maximal 300.000 COP, Ungefähr 80 Euro.

Besser als nix, aber mein Parkproblem war nach wie vor ungelöst und es war bereits dunkel. Gegenüber der Banken entdeckte ich eine weitere Tiefgarage für Motorräder. Leider gehörte sie zu einem Supermarkt. Längeres Parken unmöglich. Allerdings war der Chef des Kassenhäuschens so nett mir eine Möglichkeit ein paar Meter weiter die Straße runter zu nennen. Zurück zum Motorrad wartete auch schon einer der vielen Polizisten auf mich. Ich könne hier nicht auf dem Platz stehenbleiben. Kurz die Situation erklärt, und schon versuchte er mir auch bei meiner Suche zu helfen. Ich verabschiedete mich freundlich und rollte ein paar Meter die Straße herunter. Die Einfahrt war schnell gefunden. Im Kellergeschoss konnte ich Katie abstellen. 30.000 COP sollte das für zwei Nächte und einen Tag kosten. Den Helm konnte ich auch gleich da lassen.

Beladen wie ein Esel schleppte ich mich eineinhalb Blocks weiter und war nach einer Stunde Suche zurück am Hostel.

 

Irgendwann trafen auch die anderen beiden erschöpft ein. Zeit das Licht auszumachen. Im Doppelbettzimmer rollte ich Isomatte und Schlafsack aus. Endlich...

 

Der nächste Tag war unspektakulär. Wir lernten ein paar nette Leute im Hostel kenne, doch Manizales war eher eine Enttäuschung. Zeit die Stadt wieder zu verlassen und weiter nach Süden in die Cafetera zu fahren. Doch leider hatten diese Idee wohl auch einige andere vor uns. Ein Hostel in Salento zu finden war unmöglich. Auch die letzte Speisekammer war ausgebucht. In Circasia wurden wir doch noch fündig. Auf dem Weg dahin sollte ein kurzer Stop an den Termales Santa Rosa de Cabal unsere müden Knochen aufmuntern. Soweit der Plan. Während alles zum Aufbruch rüstete, stellte ich fest, dass mein Zündschlüssel weg war. Prima... Zum Glück hatte ich noch einen zweiten dabei. Die nächste Ernüchterung kam am Motorrad. Meine USB-Ladebuchsen hatten sich komplett dematerialisiert. Auch nicht mehr zu gebrauchen. Hier wird wohl nur eins helfen: Abschneiden und wegschmeißen. Weit weg.

So konnte ich leider mein Garmin während der Fahrt nicht mehr laden. Aber Ersatz sollte sich beschaffen lassen. 

 

Auch hier stellte sich schnell heraus, dass wir durchaus nicht die Einzigen waren, die diesen Plan verfolgten. Busladungen von badehungrigen Touristen reihten sich am Kassenhäuschen auf. Generell funktioniert das Chaos in Kolumbien prima. Bis, ja bis zu viele das Gleiche wollen. Dann geht plötzlich gar nichts mehr und die Taktfrequenz der Abfertigung (egal ob Grenze, Mautstation oder Kasse) bricht komplett zusammen.

So stand ich eine gefühlte Ewigkeit in der Schlange, während ich auf Katharina und André wartete. Die beiden tauchten, mit ihren Rucksäcken schwer bepackt auf. Irgendwann war ich an der Reihe und konnte unsere Tickets ergaunern.

Bevor wir auf das Gelände der Thermalquellen konnten, mussten wir noch eine Inspektion unserer Taschen durchlaufen. Diese wurde von zwei Sicherheitsbediensteten durchgeführt, die offensichtlich stark unterschiedliche Standards an den Tag legten. Während der eine rigoros sämtliche Lebensmittel und Getränke aus Taschen und Rucksäcken herausfischte, war der andere deutlich entspannter. Meine mitgebrachten Kekse, das Wasser, alles durfte ich behalten und mitnehmen. 

 

Während wir den Hügel zu den Wasserfällen und heißen Quellen hochstapften, wurde klar, dass die Anlage doch deutlich voll war. Die aufreibende Prozedur der Abgabe unserer Klamotten (erschwert durch meine sperrige Kombi und die großen Rucksäcke der beiden anderen) ließ sich nur durch Drängeln überhaupt bewerkstelligen. Die Kolumbianer sind dabei wie Guerillas. Geschickt tauchen sie auf einmal links und rechts im Sichtbereich auf und sichern sich so die Poleposition. Leben perfekt an die Umstände angepasst. Respekt! Irgendwann gelang es uns jedoch mit unserem Berg von Klamotten die Luke der Abgabe komplett lichtdicht zu blockieren. Das war geschafft. Beim Eintreten in den Badebereich fühlte ich mich eher an eine Großküche denn an eine Badeanstalt erinnert. Überall riesige Töpfe mit "Menschensuppe". Ob das warme Wasser auch Geschmack hatte? Allein der Einstieg in die thermalen Schnellkochtöpfe war durch die gute Füllung schwierig.

 

Auf dem Rückweg zu Motorrad und Busstation setzte einer der typischen und täglichen, heftigen Schauer ein. Zeit zu verschwinden. Mit Einsetzen der Dämmerung wollte ich von meiner "Wunderwaffe", dem kleinen LED-Scheinwerfer Gebrauch machen, um Schlaglöcher, unbeleuchtete Fahrzeuge und andere Überraschungen früher erkennen zu können. Die Überraschung stellte sich auch sogleich ein: Nix ging mehr. Kein Flutlicht vor mir, nur die serienmäßige Karbidfunzel versuchte eifrig die vor mir liegende Straße in schummriges Dunkel zu hüllen. Scheinbar wird Katie langsam reisemüde.

Mit der Dunkelheit erreichte ich Circasia. Das Hotel war schnell gefunden. Zwei große Betten warteten auf uns drei. Ein Traum!!!

 

07. Januar 2018

 

Der letzte volle Tag hier in der Cafetera brach für Katharina und André an. Morgen würden sie nach Pereira und weiter nach Cartagena fliegen. Letzte Chance also für maximale Erlebnisse hier. Mit dem Bus ging es nach Salento und weiter im Jeeptaxi hoch in die Berge. Mal sehen, ob sich ein paar Pferde für eine Reittour in den Regenwald organisieren ließen.

Auch eine Führung durch eine Kaffeeplantage stand auf dem Wunschzettel. Wenn man schon einmal hier ist, dann ist das ein absolutes MUSS. Vor allem wenn man ein so großer Fan der schwarzen Brühe ist, wie ich es bin.

 

Das mit den Pferden ließ sich recht schnell bewerkstelligen. Zwei Mädels aus München, Heidi und Lia mit chinesischen Wurzeln, warteten auch auf eine Tour. Die Pferde wären noch nicht bereit. Wortgewaltig wurde uns erklärt, dass wir noch mindestens eine halbe Stunde warten müssten, die beiden Mädels aber bereits die selbe Zeit gewartet hätten und dass das alles noch dauern würde. Im nächsten Moment konnten wir aufsitzen.

Drei Stunden sollte die Tour dauern. Runter von der asphaltierten Hauptstraße ging es durch schlammige und steinige Pfade in den Wald. 

Der Pfad wurde immer steiniger und schlammiger. Steil ging es bergauf, durch Flüsse und über Geröll. Die Pferde kannten den Weg und liefen wir im Trance. Lediglich unser Guide meinte sie immer wieder antreiben zu müssen. Das war soweit kein Problem. Jedoch in Engstellen oder Passagen, die wirklich schwierig waren, führte es dazu, dass die Pferde ständig ineinander liefen. Irgendwann fand sich mein rechtes Bein im Stacheldraht und das war der Moment als mir der Kragen platzte. Durch die unnötige Antreiberei brachte der Knallfrosch die Pferde in Unruhe, was dazu führte, dass sie möglichst gleichzeitig versuchten durch Spalten oder über große Stufen zu kommen. Ein Pferd passte immer durch, zwei gleichzeitig fast nie. So gab es ständig Gerangel. Manche Leute sich doch lieber an totem Material versuchen.

 

Wir erreichten eine Steigung und ab hier ging es zu Fuß weiter. Mitten im Dschungel lagen ein paar kleine Hütten, die von einer Schar verschiedener Kolibris heimgesucht wurde. Wie Insekten schwirrten uns die kleinen Gesellen um die Köpfe. Oft waren sie zu flink, um sie mit der Kamera einzufangen. 

 

Beim Abstieg bekamen die steilen Steinstufen und matschigen Pfade eine ganz neue Perspektive. Vom Pferderücken schien alles noch eine Ecke steiler. Unser Guide trieb die Pferde weiterhin zu unnötiger Eile. Je näher wir der Station kamen, desto eiliger hatten es die Gäule ohnehin. 

 

Im Anschluss ging es mit dem Jeeptaxi zurück nach Salento. 12 Leute in/auf einem Jeep. Ok, der Radstand war etwas länger als bei den europäischen Modellen, aber trotzdem. Ich stand mit einem Teenager und einem älteren Herren hinten auf der Einstiegsstufe. Einen Moment passte ich nicht auf und "klatsch" traf mich ein herabhängender Zweig. Hallo, ich wäre dann auch wach... Während ich mir die Stirn rieb, war der Bengel links von mir kurz unaufmerksam und wurde seinerseits von einem herabhängenden Ast getroffen. Offensichtlich jedoch heftiger als ich, denn seine Brille war bereits im Begriff davon zu fliegen und nach dem Einschlag zierte ein blaues Auge und zwei kleine Platzwunden sein Gesicht. So schnell geht das. 

 

Zurück in Salento begann es in Strömen zu regnen. Einen weiteren Jeep nehmend fuhren wir über Holperpisten zur Ocaso Kaffeefinka http://www.fincaelocasosalento.com/web2/en für eine Kaffeetour. Endlich mal zu sehen wie der Kaffee tatsächlich angebaut, geerntet und verarbeitet wird. Das war -trotz ergiebigem Regen- toll. Danach gab es noch ein paar verschiedene Kaffeesorten zu probieren. Dabei wurde der während der Führung erwähnte, eher milde Röstprozess der Arabicabohnen auch geschmacklich deutlich. Der Kaffee erschien eher "dünn", aber so wird er hier verbreitet getrunken. Man könnte das durch mehr Kaffeepulver kompensieren, aber insgesamt bin ich eher ein Freund der stärkeren Röstung.

 

Am Ende fuhren wir zusammen mit der Mannschaft aus der Kaffeebar mit einem weiteren Jeeptaxi zurück nach Circasia und endeten in einer Bar. Es wurde viel gelacht und so endete unser letzter gemeinsamer Abend mit einer lustigen Bande junger Kolumbianer bei leckerstem lokalen Essen. 

 

08. Januar 2018

 

Der Tag des Abschieds von Katharina und André. Wir verließen das Hostel in Circasia gegen Mittag und trafen und noch auf einen Kaffee auf dem zentralen Platz des Ortes. Für die beiden ging es weiter nach Pereira und von dort aus mit dem Flieger gen Norden. Mein Plan, sofern man von einem sprechen konnte, bestand darin die Cafetera noch etwas weiter zu erkunden. Zunächst wollte ich nach Filandia, zur Steel Horse Finca von Yvette und Paul, einem englischen Pärchen, das sich hier niedergelassen hatte.

Der Weg dahin war nicht weit und bald erreichte ich den kleinen Ort. Über eine Buckelpiste mit vielen Auswaschungen und losem Schotter erreichte ich die Finca. Ein Landcruiser mit Dachzelt stand bereits davor. Ich war also nicht der einzige Gast. Ein junges holländisches Paar auf dem Weg in die USA machte für ein paar Tage Pause.

Ein Bett in einem der Zimmer brauchte ich nicht, das Husky war mein Bett für die nächsten Nächte.

Aus den geplanten zwei Übernachtungen wurden letztlich vier. Eine Erkältung hielt mich von der Weiterreise ab. Aber nicht nur die. Der Aufenthalt auf der Finca war einfach so tiefenentspannend, dass ich auch keine Eile verspürte weiter zu kommen.

Abgesehen davon war die Küche von Yvette ein weiterer Grund die Weiterreise etwas hinauszuzögern. Außerdem brauchte Katie nach weiteren tausend Kilometern etwas Zuneigung. Lauteres Klappern als normal zeugte von einem niedrigen Ölstand, das Anfahren an Steigungen in der Höhe ging fast gar nicht mehr, Zeit mal nach dem Luftfilter zu schauen. Der hatte es in sich. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Hätte ich keine weiteren Pläne und etwas Geld auf der hohen Kante gehabt, ich hätte mich ernsthaft mit dem Gedanken der Sesshaftwerdung hier befasst.

12. Januar 2018

 

Zeit aufzubrechen. Doch das dauerte mal wieder. Nicht nur, dass es in der vorangegangenen Nacht in Strömen geregnet hat, auch der Morgen brauchte etwas. um auf Temperatur zu kommen. Das Zelt wollte nicht trocknen, meine Klamotten auch nicht. Kurz begann ich zu rechnen... Noch einen Tag bleiben? Nein, das würde zu knapp. Ich wollte unbedingt in Mocoa noch die Wasserfälle Fin del Mundo anschauen, müsste also zwei Nächte bleiben. Dir Route war geplant, der Platz für die Nacht gewählt. Doch... Es wollte einfach nicht so recht losgehen. Sämtliche Taschen wieder zu packen und an Katie zu verzurren dauerte gefühlte Ewigkeiten. Gegen Mittag dann endlich der beherzte Griff zum Gas. Heute standen 325 Kilometer an. Zunächst in Richtung Bogota, also grob nach Osten, dann später am Abzweig zur 45 ab nach Süden. 

 

Hinter Neiva wollte ich ein Hostel anpeilen. Das tat ich auch, doch konnte ich unter der gespeicherten Position nichts finden. Ein paar Meter weiter eine Hotelanlage mit Campingmöglichkeit. Mir war eigentlich schon alles egal. Hauptsache jetzt keine stundenlange Irrfahrt in der Dunkelheit. Außerdem setzte der Regen mal wieder ein.

Ja, Camping wäre kein Problem. Neben dem Volleyballplatz unter Palmen fand ich meinen Platz für die Nacht. Nach zwei Bier war ich so müde, dass ich es nicht einmal mehr schaffte mir Oropax in die Löffel zu stopfen, um dem Lärm der 45 zu entgehen. 

 

13. Januar 2018

 

Am nächsten Morgen der Sprung in den Pool, eine kalte Dusche und Abfahrt. Bis Mocoa waren es wiederum etwa 320 Kilometer. Die Strecke selbst ein bunter Mix aus Kurven und Geraden. Je näher ich dem Tagesziel kam, desto kurviger wurde die Strecke, leider auch begleitet von immer wieder einsetzenden, auch stärkeren Regenschauern. Dadurch war die Strecke vieler orten rutschig, was das Tempo drückte. 

 

In der Dämmerung erreichte ich das Samay Hostel in Mocoa. Zunächst wollte ich mich in ein Vielbettzimmer einnisten doch dann entdeckte ich einen Pavillon mitten in einem Koyteich. Und darin standen Zelte! Meins wollte ich auch genau darin haben. Frei von Mücken (dachte ich), nicht mit hunderten anderer Leute in einem Zimmer. Genau mein Ding! 

 

Das Zelt stand schnell, der Rest lief auch geschmeidig. Das Hostel selbst war ein bisschen halbfertig. Alles sehr entspannt, doch mit einigen Ecken, die mit etwas Arbeit deutlich besser aussehen könnten. Schade irgendwie. Aber für zwei Nächte auf dem Karpfenteich, das passt schon!

14. Januar 2018

 

Eigentlich war der heutige Plan zu den Wasserfällen 500 Meter unterhalb des Hostels zu gehen. Da jedoch Sonntag war und neben den ausländischen Touristen auch viele Kolumbianer das Wochenende für einen Besuch nutzen wollten, kamen Zweifel. Zumal etwas in nördlicher Richtung der Abzweig in den Dschungel zu den Ornoyaco Wasserfällen lockte, einer bei der indigenen Bevölkerung sehr wichtigen Stätte und zudem touristisch eher unerschlossen. Warum das so sei, das sollte sich später am Tag noch herausstellen.

 

Zunächst ging ich -noch etwas verschlafen- auf die "Jagd" nach Frühstück und etwas Kaffee. Kaffee fand sich tatsächlich recht schnell in einem kleinen Tienda um die Ecke. Dazu ein paar Eier, etwas schmierige Wurst (ordentlich Hitze in der Pfanne und auch das ist kein Problem mehr) und eine Zwiebel. Doch das war es auch schon. Tomaten? Alle. Paprika? Alle. Nix zu machen.

 

Also zurück zum Hostel. Noel und Julie, ein Pärchen aus Frankreich wollte auch gerade zu den Ornoyacofällen aufbrechen. Kurzerhand ohne Früchsück, jedoch mit bereits vier Kaffee intus, schloss ich mich an. Ein paar Kilometer die Straße hoch entdeckten wir den Abzweig. Der Weg war etwas geschottert und ging runter in den Wald.

Die erste Brücke, eine typische Hängebrücke mit teils etwas verrotteten Bolen an Stahlseilen jedoch ohne Geländer war noch breit genug, um auch mit Mopeds überquert zu werden. Weiter ging es, der Weg wurde zum Pfad und die Luft schwülwarm. Nach einem kleinen Bach dann der Anstieg in den höher gelegenen Dschungel. Der Pfad wurde schmieriger und die im Verfall begriffenen Holzbohlen waren rutschig. Die Regenfälle der letzten Tage sorgten für einen schmierig-rutschigen Anstieg. Die Bohlen wollten kein Ende nehmen und wo sie fehlten, taten sich schlammige Löcher auf. Immer höher ging es in den Wald, die Luft war zum Schneiden dick. Schnaufend und keuchend erreichte ich die erste Kuppe, die anderen beiden schien das Klima wenig zu stören. Ich wäre alleine wahrscheinlich längst umgedreht. Doch so gab es kein Zurück. Immer höher und höher wand sich der schmierige Pfad in den Urwald. 

 

Nach gefühlten Stunden erreichten wie eine weitere, kleinere Hängebrücke. Gelächter drang zu uns herauf. Hinter der Brücke führte ein kleiner Trampelpfad ins Dickicht. Aus Neugier folgten wir ihm und erreichten das Bett des Baches, den wir gerade überquert hatten. Er verschwand unter einem Felsen, um vor uns etwa 50 Meter in die Tiefe zu stürzen. Unten waren Menschen und badeten im kühlen Wasser. Laut GPS war das unser Ziel, doch der schlammige Pfad führte uns daran vorbei... Einen Abzweig gab es nicht, wohl aber die Überlegung, dass wir in einem weiten Bogen zur Badestelle gelangen könnten.

 

Weiter dem unter unseren Schuhen quatschenden, lehmigen Weg folgend, erreichten wir einen weiteren kleinen Bach und unser Pfad machte endlich den ersehnten Rechtsknick. Die früher vorhandenen Treppenstufen aus Holz waren längst ein Raub der Pilze und anderen für die Verrottung zuständiger Organismen geworden. Wie Seife fühlte sich der Boden unter unseren Füßen an. Schlingernd und rutschend ging es hangabwärts in das Dickicht. Ein schmaler, steiniger, glitschiger Pfad führte uns immer weiter hinein ins Dickicht des Regenwaldes. Umgestürzte Bäume, deren Stämme nicht weniger rutschig als der Boden waren, lagen kreuz und quer. Die letzten Meter hinab zur Wasserstelle ging es nur noch über Wurzeln, Steinblöcke und durch kleine Wasserläufe. An Bäumen befestigte Seile ermöglichten überhaupt erst den Ab- und späteren Aufstieg. Ohne wäre der natürliche Hindernisparcour kaum zu passieren gewesen. Unter überhängenden Bäumen und Büschen, durch wand sich der Abstieg zum eigentlichen Flusslauf. Kurz bevor ich ihn erreichte, rutschte ich noch von einem schmierigen Felsblock ab und landete bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Zeit die Taschen der Hose zu räumen, die Flut kam.

 

Da nun eh die Wanderschuhe komplett geflutet waren vereinfachte das die weitere Kletterei ungemein. Statt dem Wasser auszuweichen und kunstvoll strauchelnd von Stein zu Stein zu hüpfen konnte ich einfach durch das Wasser waten. War ja nun eh egal. 

 

Unten angekommen eröffnete sich ein wundervoller Blick auf das von oben herabstürzende Wasser. Der natürliche Pool war groß und tief genug um darin zu schwimmen. Nach der klebrig schwülen Luft auf dem Herweg eine fantastische Abkühlung.

 

Nach einer Weile, mir hing der Magen mittlerweile in den Kniekehlen und außer Wasser gab es nichts zu trinken, war es Zeit für den Rückweg. Der kräftezehrende Anstieg wurde nun zur unfreiwilligen Schlitterpartie über die seifigen Bohlen und durch die schlammigen Passagen. Hoch war anstrengend, runter war abenteuerlich.

 

Trotzdem war die Wanderung am Ende durch die wilde Schönheit der Natur und des Wasserfalls alle Strapazen wert. Zu Hause werde ich wieder ausreichend Zeit im Bürostuhl verbringen. Daran mag ich im Moment noch gar nicht denken...

15. Januar 2018

 

Mein letzter Morgen in Kolumbien brach an. Die Klamotten der gestrigen Wanderung waren noch triefend nass. Die hohe Luftfeuchtigkeit verhinderte effektiv, dass Schuhe und Hose trocknen konnten.

 

Ich brauchte erst einmal einen Kaffee. Die anderen Gäste des Hostels, Anna aus Österreich, Fanni aus Frankreich, Noe aus der selben Nation und Robert aus Deutschland ließen sich nicht lange bitten, bevor sie zur Wanderung zu den Fin del Mundo Wasserfällen aufbrechen wollten. Für mich stand heute der Aufbruch zurück nach Ecuador an. Diesmal nicht über die Grenze zwischen Ipiales und Tulcan. Der kleine Grenzübergang an der 45, in der Nähe von San Miguel wurde mir von allen empfohlen, die ihn bereits passierten.

 

Die Fahrt von Mocoa begann im strömenden Regen. Ich kam recht spät los, das Zusammenpacken meiner ganzen Klammotage dauerte wieder ewig. Sicherlich trug meine fehlende Motivation ihren Teil dazu bei. Zu guter Letzt vergaß ich noch meinen Zündschlüssel im Zelt. Was ich jedoch erst bemerkte, als ich alles zusammengepackt habe. Unschön. Das Zelt wieder aus der Tasche, auseinanderfrickeln, um dann mit zittrigen Fingern den Schlüssel aus der Tasche des Zeltes zu fischen. Es ist immerhin nach dem Verlust des Hauptschlüssels in Mannizales der letzte verbliebene Zündschlüssel, den ich im Moment habe. Und das alles über den klaffenden Lücken in den Planken des Pavillons über dem Koyteich... Noch Fragen?

 

Die Fahrt zur Grenze verlief -von ein paar witzigen Schotterpassagen abgesehen- unspektakulär. Erstaunlich was der gereinigte Luftfilter und die geringe Höhe ausmachten. Katie verließ die Schotterstrecken des Öfteren auf dem Hinterrad. Bei meinem Geschick sicher keine Absicht. Mein Knie ist immer noch etwas blau vom Sturz in Filandia. Und da ich nicht vor Publikum käfergleich auf dem Rücken landen und zappeln möchte, überlasse ich derartiges Stunts denen, die es können. King of Crash wird man nicht von ungefähr.

 

Gegen 16:00 Uhr kam ich an der Grenze an. Auf kolumbianischer Seite gibt es nur einen verschlafenen Ort. Die gesamte Abwicklung findet auf ecuadorianischer Seite statt. Im Gegensatz zur Grenze weiter westlich war hier so gut wie gar nichts los. Vollkommen entspannte Atmosphäre und freundliche Beamte. Die Ausreise dauerte keine fünf Minuten. Die Einreise nach Ecuador auch nur deshalb eine knappe halbe Stunde, weil ich noch ein paar Kolumbianer vor mir hatte, die das Prinzip des "Anstellens" nicht kannten und kreuz und quer in der Gegend herumstanden. Bis es das Wort zum Sonntag von der Grenzbeamtin gab. Dann standen die Freggels auf einmal vor mir.

 

Auch die Aduana lief fix und so war ich in weniger als einer Stunde wieder aus dem Gebäude und damit aus Kolumbien heraus. In mir machte sich irgendwie das Gefühl von Niedergeschlagenheit breit. Kolumbien hat mich wirklich in seinen Bann geschlagen. Dieses wunderschöne Land nach einem Monat nun zu verlassen bedeute nicht nur ein unglaublich farben- und lebensfrohes Land hinter mir zu lassen, sondern auch der Wendepunkt auf meiner Reise. Ab nun ging es nicht mehr weiter, sondern zurück. Auf der einen Seite freue ich  mich noch auf ein paar Tage in Quito, auf Ecuadors Küste und die Strände von Nordperu. Doch in letzter Konsequenz beginnt die Zeit nun zu rasen und läuft gegen mich. 

Rückspiegel Kolumbien

 

Dieser "Rückspiegel" ist eigentlich mehr als nur ein Blick zurück auf die letzten vier Wochen. Vielleicht ist es eine Liebeserklärung an ein Land das mich mit seiner Herzlichkeit gefangen genommen hat. Auf all meinen Reisen in alle möglichen Länder der Welt, habe ich mich noch nie so wohl gefühlt wie hier. Besonders die Cafetera hat mich mit ihren grünen Hügeln, ihren kleinen, bunten Orten und ihrer Vielfalt, aber auch ihrem entspannten Leben fasziniert.

 

Mehr als einmal kam in mir der Wunsch auf zu bleiben. Klar, auch hier gibt es das Leben nicht geschenkt, bedeutet Alltag Arbeit und eine Finca unterhält sich nicht von allein. Doch ist man auch allein nie wirklich allein. Nachbarn schauen vorbei, es ist so angenehm einfach mit Leuten in Kontakt zu kommen und die dabei vermittelte Herzlichkeit ist sensationell. Ich bin mir heute sicher, dass ich wiederkommen werde. Nur wie lange, das weiß ich heute natürlich noch nicht.