01. Februar 2018

 

Die Nacht im Qispy Kays Hostel war stickig warm und kurz. Bereits kurz nach 6 Uhr morgens sammelte sich eine Gruppe plappernder Grazien, um im Fitnesstudio darunter dem physischen Maltretat zu frönen. Da es zum Schlafen eh viel zu heiß war beschloss ich aufzustehen und meine Klamotten zusammenzupacken. Das Viertel, in dem das Hostel liegt, war ungewöhnlich hübsch und gepflegt. Zwei Blöcke weiter hätte man genauso gut auch in Pakistan sein können. Staubige Wege stellten die "Straßen" dar, über die vor allem die planenbewehrten Tuctucs rasten. Beim Abbiegen musste man auch nicht auf der "Straße" bleiben. Oft genug wurden Ausweichrouten zwischen Bäumen oder über das, was wohl mal eine Verkehrsinsel war, genommen. 

 

Elvis, der Besitzer des Hostels hatte mir am Vorabend erzählt, dass Piura vor etwa 10 Monaten von einer starken Überschwemmung heimgesucht wurde. Das wäre auch die Ursache für die äußerst desolate Infrastruktur. Leider habe man es aufgrund der um sich greifenden Korruption in der Zeit danach nicht geschafft die vorherigen Verhältnisse einigermaßen wiederherzustellen. Traurig.

 

Durch den Staub bahnte ich mir meinen Weg und schlängelte mich so schnell es ging durch die Horden der knatternden Kleingeschosse. "Bloß raus hier!" schoss es mir durch den Kopf. Was Verkehr und Chaos betrifft bin ich ziemlich schmerzbefreit und verfahre selbst gerne nach dem Motto, dass der Zweck die Mittel heiligt. Allerdings versuche ich dabei wenigstens in den Rückspiegel zu schauen. Schon aus Hang zur Selbsterhaltung. Hier? Fehlanzeige. Ein Kolumbianer mit dem ich sprach und der selbst Freunde aus Peru hat, bestätigte meine wüstesten Befürchtungen dahingehen. Ergänzt um die Aussage, dass die Peruaner sich gerne auch besoffen hinters Steuer setzen. -Klar, wenn man nicht mehr stehen oder laufen kann, muss man eben fahren...

 

Aus Piura raus führte die Straße geradeaus. Schnurgerade. Nicht eine Kurve. Es wurde trockener, heißer und noch staubiger. Irgendwann waren links und rechts der Straße nur noch Dünen und Sandhügel mit ein paar Steppenpflanzen. In der Ferne türmte sich eine Düne auf. Der Seitenwind war so stark, dass ich eigentlich die gesamte Strecke in Schräglage geradeaus fuhr.

 

Die 1N erreichte Chiclayo. Mit einem Schlag war ich mitten im mittäglichen Gewühl von Autos und Bussen. Es ging nicht vor und nicht zurück. Mittendrin ein Polizist auf seinem Motorrad. Abwechselnd die Sirene betätigend und mit der Trillerpfeife pfeifend saß er auf seinem Knatterbock, Sinn und Zweck der Aktion erschloss sich mir irgendwie nicht. Die Ampeln vor uns waren rot, alles stand nicht ohne Grund. Aber das ist generell so ein Phänomen von Peru. Oft stehen an den Ampelkreuzungen winkende und pfeifende Polizisten. Dabei hat ihr Gemache keinerlei Einfluss auf den Verkehrsfluss, sofern man von "Fluss" sprechen kann. Wenn alles steht, hilft eben auch kein wildes Gewinke und Gepfeife. Vielleicht blieb mir als Außenstehender aber auch einfach der tiefere Sinn des Ganzen verborgen...

 

Nachdem ich mich aus Chiclayo herausgewunden hatte, war der kühlende Fahrtwind eine schiere Wohltat. Die leuchtende Tankmotivationslampe mahnte zum baldigen Tankstopp. 

 

Am Nachmittag erreichte ich Pacasmayo. Über der Stadt kreisten die omnipräsenten Rabengeier und schraubten sich um die Jesusstatue über dem Strand empor. Von dort oben hatte ich einen guten Ausblick über die Stadt. Vor mir der Pazifik mit den in der Nachmittagssonne schaukelnden Fischerbooten, links die Strandpromenade.

 

Ein paar Fotos später machte ich mich auf dem Weg zum Hostel. Katie durfte im Garten übernachten, ich in einem Zweierzimmer. Abends schleppte ich meinen müden Kadaver zum Wasser. Das Licht der tiefstehenden Sonne tauchte die Szenerie am Strand in ein fantastisches Licht. Zwischen neumodischen Bauten standen auch ein paar kolonialzeitliche Gebäude. Leider geschlossen und dem Verfall preisgegeben. 

 

Der ganze Ort schien am Ufer versammelt zu sein. Überall wimmelte es, Lachen lag in der Luft und alte Männer spielten an Plastiktischen Karten.

 

Peru kann auch anders als staubig, chaotisch und zugemüllt zu sein. Es wäre nur schön wenn es dieses Bild häufiger zeigen würde. Die omnipräsenten Müllteppiche in der Landschaft, der fast ständige Gestank in der Luft und die Berge von Unrat entlang der Straßen, auf Fußwegen und besonders an Stellen mit Schildern wie "Müll abladen verboten", sind einfach übel. Die Einzigen, die sich daran erfreuen sind die Geier. Irgendein Kadaver findet sich immer zwischen den Müllsäcken.

 

Doch das alles war mir letztendlich ziemlich egal. Die vorherigen Nächte warn eher kurz. Ich lag früh im Bett und fiel in einen komaartigen Schlaf.

 

 

02. Februar 2018

 

Der nächste Morgen begrüßte mich mit strahlendem Sonnenschein. Über die verlassene und staubige Straße war ein Restaurant wo sich Frühstück ergaunern ließ. Der Kaffee war interessant. Er war nämlich kalt. Dafür gab es eine Mikrowelle. Merke: Es gibt keine Probleme, nur Lösungen.

Die Bedienung war eine herzlich strahlende Dame mittleren Alters. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich keine gebratenen, sondern gekochte Eier haben wollte, eilte sie in die Küche und kam mit einem Lächeln und medium gekochten Eiern zurück. Yeah! Läuft doch!

 

Nach dem Frühstück kam ich nicht so richtig in die Pötte. Außerdem waren am Vorabend Julie und Thomas aus der Schweiz mit ihrem Mitsubishi 4x4 angekommen. Zeit für etwas Austausch musste sein. Derweil wurde es wärmer und wärmer. Schließlich lief mir das Wasser sprichwörtlich aus den Stiefeln. Ich brauchte Fahrtwindkühlung. Dringendst.

 

Also ab auf Katie und raus aus dem Ort. Zurück auf der Hauptstraße ging das auch echt zügig. Die omnipräsenten Alleen von Bauschutt und stinkenden Müll begleiteten mich für Kilometer aus dem Ort heraus. Schnurgeradeaus führte die 1N mich weg von der Küste. Nur noch Sand. Links und rechts und in der Ferne wieder mal die flachen, weißen Baracken der Hühnerfarmen, die sich in die Wüste kauerten. Die Sonne brannte unbarmherzig. Anhalten war kein Vergnügen und ich versuchte es auch zu vermeiden, so lange wie nur möglich. Die 370 Kilometer der heutigen Tagesetappe zogen sich wie Kaugummi. Am späteren Nachmittag erreichte ich einen Kreisverkehr. Der Wegweiser wies nach rechts nach "La Tortuga" (die Schildkröte). Hier hatten wir auf dem Weg nach Norden übernachtet und ich erinnerte mich an eine ganze Reihe von Restaurants am Ufer der Bucht. Da aus dem Maschinenraum bereits deutliche Signale zu vernehmen waren, folgte ich der schmalen Straße in den Ort. 

Vor einem Teller des hier typischerweise in Limonensaft gekochten Ceviche schaute ich den immer hungrigen Pelikanen bei ihren Streifzügen über die Fischerboote zu. Das war mal richtig lecker! 

 

Die letzten 100 Kilometer des Tages riss ich auf der ewig geraden Strecke ab und erreichte den staubigen Ort. Es tut mir fast leid es so zu beschreiben, doch was sich vor meinen Augen auftat war ein Bild der Trostlosigkeit. Eine graue Staubschicht bedeckte den Ort und alle Fassaden der meist ärmlichen Häuser war davon überzogen, sofern sie nicht in jüngerer Vergangenheit frisch gestrichen wurden.

 

Das Hostel, das eher ein Motel war, wartete mit ausgeprägtem Minimalismus auf. Dafür kostete die Nacht auch lediglich 25 Soles, also ungefähr 6,25 Euro. Für eine Nacht ok, ich hatte nicht vor zu bleiben. Meine Meinung hinsichtlich der Akzeptanz des Zustandes änderte sich etwas, als ich die erste Kakerlake erschlug, die sich unter dem Bett hervoreilend, versuchte unter dem Vorleger der Badnische zu verkrümeln. 1:0 für den Gringo.

Die Toilette ohne Klobrille, darüber der Duschkopf, der aus der Wand herausragte, man lernt seine Ansprüche an die Gegebenheiten anzupassen.

 

Nachts wurde ich durch ein rythmisches Schaben geweckt. Aus der Richtung des kleinen Tisches kommend, vermutete ich irgendetwas in der geöffneten Kekspackung darauf. Und ich sollte nicht irren. Eine weitere Kakerlake hatte sich zum mitternächtlichen Buffet begeben und raspelte an den Keksen herum. Der Eindringling gewann einen Freischwimmkurs in der Kloschüssel, die Kekse flogen direkt in den Müll. Ich teile gerne, aber nicht mit jedem. 2:0 für den Gringo minus eine Packung Kekse. Naja. Der Pokal für die bescheidenste Nacht seit längerem war mir damit sicher.

 

 

03. Februar 2018

 

Kaum dass der Morgen graute, waren es diesmal nicht die Hähne, die die Nachtruhe für beendet erklärten. Ein paar peruanische LKW-Fahrer bestiegen ihre Waffen und rissen als erstes den Motor aus dem Schlaf, eröffneten ein akustisches Feuerwerk der Salsamusik in schmerzhafter Lautstärke und beendeten damit sämtliche Ambitionen Schlaf zu finden.

Ok. Schön war es eh nicht, eine gute Motivation sich zu erheben und das Weite zu suchen. Im Nachbarrestaurant ergatterte ich noch ein lustloses Frühstück und verließ den Ort so schnell wie ich in ihn eingefallen war.

 

Heute stand Lima auf dem Plan. 300 Kilometer lagen vor mir. Ich war noch 40 Kilometer von Miraflores entfernt, wo sich das angepeilte Hostel befand, da begannen schon die ersten Ausläufer der Stadt. Der Verkehr wurde dichter und dichter. Mit jedem Kilometer füllten sich die Straßenseiten mit mehr Menschen, die Straße mit mehr Fahrzeugen, Bussen und LKW, die sich oft gegenseitig blockierend, versuchten möglichst auf der Poleposition an jeder Ampel zu sein. Irgendwann stand ich mehr als ich fuhr. Die letzten 10 Kilometer zogen sich wie Kaugummi und nur mit einem aggressiv rücksichtslosen Fahrstil gelang mir ein einigermaßen zügiges Fortkommen durch den Wahnsinn des Verkehrs. Die fehlende Knautschzone wurde durch das bessere Beschleunigungsvermögen wettgemacht. Leicht ermattet erreichte ich das Hostel. Feierabend. Hier wollte ich ein paar Tage bleiben und die 2000 Kilometer der letzten Tage abschütteln. Es war Samstag und am Montag habe ich einen Termin zum Reifenwechsel. Danach noch ein paar Tage das Leben in Lima genießen, bevor ich mich auf den weiteren Weg in Richtung Chile mache. 

 

Im Hostel lernte ich Phillipe, einen Schweizer auf Tour kennen. Zusammen ein paar Bier kippend begann der deutlich entspanntere Teil des Tages. Katie stand sicher, ich war ohne weitere Blessuren in Lima angekommen,  Zeit sich zurück zu lehnen und den Tag zu genießen.

05. Februar 2018

 

Nach dem Abhängen der letzten Tage war es heute Zeit Katie einen Satz neuer Latschen zu verpassen und mich um den 20.000 Kilometerservice zu kümmern.

Reifen gab es bei Touratech in Lima. Schnell, einfach und etwas teurer. Aber dafür vollkommen problemlos. Da ich fortan eigentlich ausschließlich Straße fahre, nahm ich günstige Pirellis, statt des eher teuren Heidenaus. Bis zum Container müssen sie reichen. Der Rest ist egal.

 

Weiter ging es zu KTM. Die Serviceintervalle von Katie liegen bei 10.000 Kilometern. Doch da ich bereits bei 15.000 Kilometern einen großen Service in Bogota habe machen lassen (war praktisch, so konnte ich Katie über Weihnachten stehen lassen), wäre von dem her noch gar kein Service fällig. Da ich jedoch die 20.000 Kilometer voll gemacht habe, wäre der Service den offiziellen Intervallen folgend fällig. Was nun? 150 Dollar einfach so verblasen? Davon kann ich hier fast eine Woche leben. Insofern stellt sich natürlich die Frage nach dem "Tut das not?"

Leider stellte sich in dem Zuge auch heraus, dass KTM in Santa Cruz den Service, entgegen allen Beteuerungen mit den falschen Kilometern im System eingetragen hatte und KTM Bogota überhaupt nicht. Willkommen in Südamerika. Irgendwas ist immer. Hier ist das kein Problem. Jedoch ist man in Europa dahingehend weniger flexibel, gerade wenn es um den Garantieerhalt geht.

 

Mal sehen wie das ausgeht. Im Moment genieße ich Lima. Hier in Miraflores lässt es sich tatsächlich gut aushalten.

06. Februar 2018

 

Zusammen mit Bryan, einem lustigen Vogel aus England mit vielen interessanten Stories und oft verblüffendem Hintergrundwissen zu den Plätzen und Geschehnissen, der auch schon seit etwa zwei Jahren mit seiner BMW auf Achse ist und Phillipe, stolperten wir im Morgennebel des Pazifiks nach Barranco.

Dieser eine von insgesamt 43 Stadtbezirken gilt auch als "Kunstbezirk" Limas. Viele bunte und tolle Graffities, versteckte Kaffees, das Piselli, eine der ältesten Bars Limas und Plätze kennzeichnen diese gerade (wieder) erwachende Schönheit.

Allerorten wird gebaut und die Substanz der wunderschönen alten Häuser aus vergangenen Glanzzeiten wieder hergestellt.

Doch bereits jetzt ist erkennbar, dass sich hier ein Viertel mit einer ganz besonderen Anziehungskraft entfaltet. 

 

Um ehrlich zu sein, Lima gefällt mir immer besser. Schade, dass mein bisheriger Eindruck von Peru da nicht mithalten kann...

10. Februar 2018

 

Vor zwei Tagen folgten wir dem Ruf des weltbesten Mr. Bryan nach La Punta. Eine hervorragende Idee, wie sich herausstellte. La Punta ragt als Landzunge in den Pazifik. Ihr vorgelagert ist die Isla San Lorenzo und El Frontón. Schicke Häuser und Straßen mit kleinen, ursprünglichen Restaurants prägen das Bild des Distrikts. Der Pazifik ist an vielen Stellen links wie rechts zu sehen.

 

Etwas weiter nordöstlich liegt Callao.

Die glänzenden Zeiten als Limas Hafen sind lange Geschichte. Geblieben ist der Container- und ein Yachthafen. Vom bunten Treiben als der einzige Zugang zum Pazifik für Mann und Maus via Schiff von Lima ist nicht mehr viel geblieben. Viele der einstmals prunkvollen Gebäude sind teilweise oder ganz verfallen. Abgebrochene Säulen als Insignien von Status und Reichtum ragen heute wie abgebrochene Zähne in den Himmel, ihrer stützenden Funktion beraubt und durch den Zahn der Zeit verwittert.

Vielerorts prägen noch heute Verfall und Verwahrlosung das Bild des Viertels. Bis vor wenigen Jahren waren Schießereien und Drogenhandel auf Straßen und Plätzen an der Tagesordnung.

Doch Hoffnung keimt auf. Wie in anderen Orten, z. B. in Medellin haben Künstler das Viertel für sich entdeckt. Viele kunstvolle Graffities, Galerien und Installationen zeugen davon und haben in den letzten Jahren nachhaltig zur Wiederbelebung beigetragen.

Bewegung und Leben sind wieder eingezogen und. Bis Callao wieder an den Glanz vergangener Zeiten anknüpfen kann, wird noch einige Zeit vergehen. Ob es das überhaupt möchte und muss, sei dahingestellt. Es ist einfach schön zu sehen, dass die Menschen ihr Viertel zurückerobern.

 

Auf dem Rückweg nach Miraflores ging es im Taxi die Küstenstraße entlang, vorbei an wirklich armen Vierteln, bevor sich das Bild sprichwörtlich schlagartig änderte. Statt Wellblechhütten und windschiefen Backsteinbehausungen prägten auf einmal Apartmentblöcke und Hotels das Bild. Offensichtlich breitet sich der Wohlstand immer weiter entlang der Küste nach Norden aus. Überall Transparente, die zum Verkauf stehende Apartments bewarben.

 

Zurück im Hitchhiker's Hostel folgte das, was ich als den ganz großen Luxus des ungebundenen Lebens betrachte: Ein Schläfchen am hellichten Tage. Gott, werde ich das nach meiner Rückkehr nach Hause vermissen!

12. Februar 2018

 

Meine gestrige Abreise aus Lima musste wegen akuter Müdigkeit verschoben werden. Immerhin gelang es Gemma und James, dem jungen englischen Pärchen mit ihrem kleinen Suzuki Van trotz durchzechter Nacht, das Hostel am frühen Nachmittag zu verlassen. 

So langsam gingen mir einfach die Ausreden aus. Phillipe und Bryan feixten schon, wenn ich erwähnte, dass ich doch endlich abreisen müsste. So kam es, dass aus einem eigentlich nur ganz kurzen Aufenthalt in Lima über eine Woche wurde. Es war einfach zu schön zu bleiben und der Druck zu fahren zu gering. Der Reifenwechsel und die Inspektion für Katie waren schnell erledigt. Es hätte eigentlich weitergehen können. 

 

Zuerst lief ich Phillipe aus der Schweiz über den Weg. Auch schon seit einer ganzen Weile unterwegs, strandete er in Lima weil sein Van einen Zylinderkopfdichtungsschaden hatte.

Am folgenden Tag tauchte auf einmal "The World's Best Mr. Bryan" auf. Phillipe und er kannten sich bereits, ich hatte meine Motorradfahrergang (auch wenn der arme Eidgenosse gerade nicht auf zwei Rädern unterwegs ist) gefunden. Gemma und James kamen hinzu und ab da waren tages- und abendfüllende Programme garantiert. Selbst wenn sie aus einem ausgiebigen Vormittags- bis Spätnachmittagsschlaf, gelegentlich mit nahtlosem Übergang zum nächtlichen Schlaf bestanden.

Wir erkundeten die Stadt, probierten alles Essbare was uns über den Weg lief, verbrachten Abende in Kneipen damit, lokale Schönheiten zu bestaunen und natürlich "La Mora", eine (dem Vernehmen nach deutsche) Bäckerei einen Block weiter aufzusuchen. Sei es für Käsekuchen (gerne auch mal einen Ganzen), Cappuccino oder eine Schnecke, die wirklich so genannt wurde und aus dem Mund der peruanischen Angestellten sehr interessant klang.

Die Tage gingen vorbei und nachdem sich auch Phillipe und Bryan mit dem Gedanken ihrer jeweiligen Ab- und Weiterreise tragen, wurde es einfach Zeit. Zu gerne wäre ich noch geblieben, denn seit langer Zeit fühlte sich das Hostel mit der Besatzung nach so etwas wie "Zuhause" an. Vertraute Umgebung, nette Menschen ohne Oberflächlichkeiten, viel Gelächter über "Sleeping Beauties", schräge Zeitgenossen, die bei Overlandern populären Hostel auftauchten und offensichtlich ein deutlich soziales Defizit aufwiesen, Lachen mit Natie, der liebenswürdigen Rezeptionistin, Fluchen über leere Klopapierrollen, es war eine prima Zeit. Das Leben in Lima, das sich im Zentrum der Stadt und in Miraflores komplett von dem Peru unterscheidet, wie ich es bislang kannte, hatte mich in seinen Bann geschlagen. Die Menschen leben in dieser Stadt. Ältere Menschen treffen sich am Sonntag zum Tanzen im Park, statt zurückgezogen zu Hause den Rest ihrer Tage zu fristen. Familien strömen in Parks, an die Steilküste und in Kaffees, es war einfach schön ein Teil dieses Lebens zu sein.

 

Doch wie Zeit es so an sich hat, sie war irgendwann vorbei. Früh am Morgen schlüpfte ich aus dem Bett und in meine Motorradklamotten. Nicht ohne vorher "The World's Best Mr. Bryan" noch eine kleine Pappschachtel von La Mora zu überreichen. Man hat schließlich nicht jeden Tag unterwegs Geburtstag. Mein Plan war es das Hostel gegen 7 Uhr zu verlassen und aufzubrechen. Da jedoch trotz der frühen Stunde unerwartet viel Leben in der Bude (wir teilten uns einen Bungalow) war, beschlossen wir auf einen Abschiedsgeburtstagskaffee zu unserem Lieblingsbäcker zu ziehen. Soviel Zeit musste sein. Und auch die verflog. So gab es am Ende keine Ausreden mehr. Auf den Bock, eine herzliche Verabschiedung und los ging es. Hinein in Limas morgendlichen Verkehr.

 

Trotz der frühen Stunde hatte es bereits einmal vor dem Hostel gekracht. Das Wrack des Opfers stand mit ausgelösten Airbags und ziemlich verbeult auf dem Fußweg. Die Stadt war bereits wach.

Auf der Hauptstraße in Richtung Süden angekommen, begann der ganz normale Wahnsinn. Die Fahrzeuge stapelten sich beinahe und winkende und pfeifende Polizisten vollbrachten das Kunststück den Verkehr an einigen Kreuzungen vollends zum Erliegen zu bringen.

 

Je weiter ich aus der Stadt herauskam, desto mehr löste sich das Verkehrschaos auf. Die 1S in Richtung Süden zog sich schnurgerade durch die sandige Landschaft. Oft genug ertappte ich mich selbst, wie ich meinen Gedanken nachhing, statt mein Augenmerk auf das Asphaltband zu lenken.

Huacachina, die Oase in den Dünen etwas außerhalb von Ica war mein Ziel. Als die Sonne am höchsten stand, kam ich an. Dünenbuggies standen am Straßenrand, die üblichen Gringofänger forderten dazu auf anzuhalten und ihre Angebote anzunehmen. Vielleicht lag es an der hochstehenden Sonne, vielleicht an der stark touristischen Prägung des Örtchens? Mit Bryans Worten im Ohr "...das ist nur ein Tümpel umgeben von Sanddünen..." machte ich kehrt und suchte mir ein Hostel in Ica. Auch hier war es heiß, doch auf der Dachterrasse ließ es sich hervorragend aushalten.

13. Februar 2018

 

Von Ica ging es weiter in Richtung Süden. Um endlich ein paar Meter zu machen, peilte ich Atico an. Immerhin 400 Kilometer.

 

Gut gelaunt füllte ich meinen vorderen Tank an der nächsten Tankstelle auf und war unterwegs. Die eintönige Wüstenstraße führte mich ins Landesinnere, weg vom Meer, weg von den Wellen. Schnurgerade ging es bergauf, bergab. Die Sonne brannte und ich war froh freie Fahrt zu haben. -Wenigstens konnte der Fahrtwind so etwas Kühlung beisteuern. Durch staubige kleine Orte ging es immer weiter bis... Der Pazifik als blauer Teppich mit weißen Schaumstreifen wieder am Horizont auftauchte. Noch einen Ort passieren, eine weitere Kurve nehmen und... Da war er wieder.

Ich musste anhalten. Die Wellen hier waren so spektakulär, dass ich mich immer wieder wunderte keine Surfer zu sehen. Vielleicht waren die Strände zu steinig oder die Wellen brachen zu spät, zu nah am Strand? Keine Ahnung. Meine Windsurfkarriere endete so schnell wie sie begann und das bereits vor vielen Jahren. Vom Wellenreiten verstehe ich nichts. Leider.

 

In der glühenden Mittagshitze passierte ich Nazca. Nicht ohne die Meldung über den tölpeligen LKW-Fahrer im Hinterkopf, der vor ein paar Wochen mit seinem Gefährt durch die Linien fahren musste.
Da mir die Warnungen vor dem teils abenteuerlichen Zustand der Touristenflieger über die Linien noch in lebhafter Erinnerung waren und ich auch keine Zeit in Nazca selbst verlieren wollte, bestieg ich den Aussichtsturm an der Hauptstraße. Man mag mich nun als Kulturbanausen bezeichnen, doch die Linien selbst konnten bei mir keine Faszination auslösen. Wohl aber die Frage, wie sie die vielen Jahre trotz Wind überdauern konnten.
Mich vor einer anrückenden Reisegruppe aus Asien rettend, die bewaffnet mit Ungetümen von Kameras und Selfiesticks schwenkend aus einem Reisebus strauchelten, hastete ich zurück zu Katie. Zeit weiterzufahren.

 

Ich erreichte Tanaka. Auf dem Weg in diesen kleinen Ort am Strand verlief die Straße parallel zur Küste und direkt am Strand. Starker Wind blies vom Meer her und verwehte das Asphaltband mit feinem Sand. Das Bild war spektakulär, der "Kontakt" mit den Sandverwehungen nicht viel weniger. Schlingernd und fluchend erreichte ich den Ort. Vorbei an verschlafenen Restaurants und einer erneuten Melange aus Staub und Müll krachte ich über die Speedbump am Ortsausgang. -Hätte ich wissen müssen. Mal wieder...

 

Gerade als ich den Ort hinter mir lassen und ordentlich am Quirl ziehen wollte, verschluckte sich Katie. Mist! Die leuchtende Tankmotivationslampe hatte ich lange ignoriert, davon ausgehend, dass ich mit ihr noch mindestens 100 weitere Kilometer abreißen könnte. Falsch gedacht. Das geht nämlich nur wenn ich mit beiden Tanks randvoll starte. Leider hatte ich im hinteren bereits viel Luft und nur den vorderen in Ica aufgefüllt. Das war jetzt irgendwie doof. Immerhin lagen noch 25 Kilometer bis Atico und bis zur nächsten Tankstelle vor mir. Zurück waren es noch mehr.


Da half nur noch Trick 17: Durch die Verlegung der Schläuche vom vorderen zum hinteren Tank bleibt immer noch ein kleiner Rest Benzin darin. Jedoch hatte ich meine Verschlauchung schon so gut wie es die Rahmenbedingungen (der Rahmen bedingt da tatsächlich einiges) zuließen verlegt. Somit blieb nicht mehr als das, was die Flasche meines Campingkochers fassen konnte. Und das waren schlappe 0,7 Liter. Ich rechnete kur:. 4,5 Liter reichen normalerweise für 100 Kilometer. -Das würden 25 verdammt knappe werden...


Im weiteren Verlauf vermied ich zu intensiven Kontakt zum Gasgriff. Der Eintopf lief gerade so ohne zu hacken und wir schlichen mit gesichtefeldverengenden 70-80 km/h pro Stunde dahin. Jede Steigung sorgte für feuchte Hände.

Nach 15 Kilometern erreichte ich einen kleinen Ort. Das Navi sagte zwar, hier gäbe es nichts, doch fragen kostet auch nur noch ein paar Tropfen extra. Leider hatte das blöde Gerät recht. Außer Diesel und Fischernetzen gab es hier nichts zu holen. Und schon gar nichts, das mein Fortkommen unterstützen würde.

Also weiterschleichen. Bergauf begann Katie bereits zu stottern. Kein gutes Zeichen. Ein paar Kilometer weiter kam ich zu einer Unfallszene. Die Helfer in Uniform waren bereits zugegen und offensichtlich nicht mehr allzu beschäftigt. Ich fragte, ob sie ein paar Tropfen Sprit hätten, denn in meinen Tanks war bereits viel secco. -Trockenheit. Nein, hatten sie nicht, zur nächten Tanke wären es aber auch nur noch 3 Kilometer. Erzähl das mal einem Verbrennungsmotor. -Als ob man da Kredit aufnehmen könnte!

 

Also weiterhumpeln. Die Zeichen des Spritmangels wurden immer deutlicher, da tauchte tatsächlich Atico auf! Direkt am Ortseingang eine Repsol. Zwar gab es maximal 90 Oktan, doch für die Fahrt bis ins Zentrum würde es reichen.


Nun bin ich nicht irgendwo in der Atakama liegengeblieben und es passierten mich auch einige Fahrzeuge. Allerdings waren das vornehmlich Diesel und es ist in Peru nicht soooo üblich dass man anhält, wenn einen einer am Straßenrand darum bittet. Offensichtlich haben einige Leute damit hier eher schlechte Erfahrungen gemacht.

 

Egal. Ich war am Tagesziel. Nun musste ich nur noch einen Platz für die Nacht finden. Das erste Hostel war voll, das zweite hatte zwar Zimmer, doch es stellte die ältere Dame vor schier unlösbare Schwierigkeiten mein Motorrad in ihrem geräumigen Hof unterzubringen, in dem zu späterer Stunde noch einige Autos stehen würden. Katie hätte sich auch ganz klein gemacht und an den Rand gedrückt.
Da es noch weitere Optionen gab, bot ich an mich anderweitig umzuschauen. Sie willigte ein. Letztlich endete der Tag in einem Hostel direkt an der Panamericana. Mir war irgendwann alles egal und ich verspürte keinerlei Motivation weiter zu suchen. Pünktlich um halb acht schlief ich ein. Vollkommen platt, noch in Klamotten. Manche Tage müssen so enden.

14. Februar 2018

 

Atico hatte nichts, was mich länger als für eine Nacht halten würde. Es war eine typischer Durchgangsort an der Panamericana. Hostels, ein paar günstige Hotels, Tankstellen und verschiedenste Restaurants. Die Trucks parkten über Nacht neben der Straße, früh am Morgen wurde es hektisch. Jeder wollte der Erste auf der Straße sein. Bereits gegen sechs Uhr morgens war ordentlich Betrieb. Also gab auch ich Gas.

 

Cabanaconde in den Anden sollte mein Ziel und gleichzeitig Ausgangspunkt für einen Abstecher zum Colca Canyon sein, in der Hoffnung ein paar Andenkondore beim Fliegen zu sehen.

Die Straße wand sich entlang der malerischen Steilküste. Wo die Menschen durch die natürlichen Gegebenheiten bedingt keinen Zutritt hatten, war das Wasser kristallklar, die Buchten wunderschön und selbst von der Straße konnte ich die Steine auf dem Grund sehen. Wunderschön und immer wieder musste ich mich zwingen den Blick auf die Straße und die kurvenschneidenden Artisten in ihren Blechkäfigen zu lenken. Manchmal hasse ich sie inständig. Besonders in den Momenten, in denen mir ein mittelgroßer LKW auf ohne Not auf meiner Spur entgegenkommt und gar keine Anstalten macht sich zu ver****en. Ich gehe nicht weiter ins Detail.
In solchen Momenten wünsche ich mir einen Hammer oder eine Axt, die ich dem Idioten in seine Frontscheibe schleudern könnte. Die braucht er ja eh nicht, da offensichtlich das Geschehen davor keine Rolle spielt. Besonders die letzte Begegnung dieser unschönen Art war ziemlich knapp.

 

Weiter ging es, immer wieder durch Deltas von Flussläufen, die schier überquollen vor Grün, während ein paar Kurven weiter wieder Sand links und Ozean rechts das Bild prägten.

 

Hinter Los Cerrillos verließ ich die Panamericana und schwenkte nach Osten auf die PE-1S. Langsam ging es höher. Kurz vor El Alto kam ein Abzweig und eine Tankstelle. -Einer Eingebung folgend füllte ich meine Spritfässer randvoll. Nicht die dümmste Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte. Denn hinter der Tankstelle endete der Asphalt. Schotter, losder Schotter und irgendwann die von mir so geliebte Waschbrettpiste. In immer engeren Kehren schlängelte sich die Piste schließlich bis auf 4200 Meter hoch. In den Wolken begann es zu regnen. Zunächst verhalten, später immer heftiger. Sollten die letzten 150 Kilometer so sein? Ein langer Fahrtag wäre die Folge. Kalter Wind peitschte den Regen gegen Katie und mich. Zeit die Reisverschlüsse zu schließen und Gas zu geben. Die Gegend war komplett verlassen. Vereinzelt begegneten mir ein paar Pickups und ein Bus. Das war es.


Zweifel machten sich breit. Ist das der richtige Weg? Alleine hier draußen, war das wirklich schlau? Doch mein Dickschädel siegte schließlich. Ich wollte die verflixten Großgeier sehen! Und wenn ich mich schon auf den holperigen Weg zu ihnen machte, dann sollten sie gefälligst auch was dafür tun! Fliegen zum Beispiel...

 

Nach 100 Kilometern durch die einsamen Berge und das faszinierende Spiel der Wolken, die vom Wind über die Hänge getrieben wurden, erreichte ich Huambo, einen kleinen Ort. Wie aus der Zeit gefallen verwunderte mich umso mehr, dass die Straße ab hier frisch asphaltiert war! Zeit den Hahn aufzureißen und Meter gut zu machen. Doch... Kein Für ohne Wider. Leider war die Trennfuge in der Mitte der schmalen Straße mit Bitumen ausgegossen, der meine Reifen nicht mochte. Oder meine Reifen ihn. Das ließ sich nicht mehr so genau herausfinden. Deutlich wurde das jedoch, als mir in mehreren Schwüngen das Hinterrad deutlich wegrutschte. Also doch weiterhin piano. Hier oben wäre ein Crash sicherlich nicht das, was einem widerfahren müsste.

Hinter einer weiteren Kurve tat sich ein für die Höhe von über 3500 Metern unwirklich grünes Hochplateau auf. Selbst die Berghänge waren mit saftigem Grün bedeckt. Lernte ich nicht vor vielen Jahren im Geografieunterricht etwas von Vegetationsgrenzen? Hier schienen die nicht zu gelten.

Einem Erdweg nach links folgend erreichte ich im strömenden Regen Cabanaconde. Mein Erscheinen erregte gefühlt totale Gleichgültigkeit. Auf dem zentralen Platz des Ortes angekommen, versuchte ich mein Glück in einem Restaurant. Vollkommen verlassen war die Bar, keine Menschenseele.

Ok. Wenn also nichts bereits zubereitetes zu ergaunern war, dann vielleicht etwas zum Selbstverbrennen aus dem daneben gelegenen Supermarkt? -Auch hier. Gähnende Leere hinter dem Tresen. Mein Rufen schien keinen zu stören. Jedenfalls kamen die Stimmen aus dem Hinterzimmer nicht näher. Sinnlos. Hier war außer auf kriminellen Wegen nichts zu holen. Dann eben nicht.

Zeit für die Suche nach einem Platz für die Nacht. Den Empfehlungen von iOverlander folgend steuerte ich durch eine verlassen wirkende Seitenstraße zu einem Hostel. Hinter der Rezeption fand ich ein Mädchen vor. 35 Soles sollte die Unterkunft kosten. Zwar inklusive Frühstück, aber für das Parken des Motorrads sollte ich extra löhnen. Da der Preis ohnehin deutlich über dem in der Vergangenheit für diesen Ort Üblichen lag, bedankte ich mich und suchte weiter.

Schnell wurde ich fündig und auch Katie hatte einen sicheren Ort für die Nacht gefunden. Zeit sich etwas umzuschauen. Amir, ein Israeli auf Tour durch Peru, begleitete mich. Drei paar Ecken weiter fanden wir eine urige Kneipe. Beim Anblick der Speisekarte verlor ich jegliche Hemmungen und den Rest meiner Beherrschung. Erst jetzt merkte ich, dass das Frühstück bereits einige Stunden zurück lag und Müsliriegel auch nichts Genaues sind. Der Tagesumsatz dürfte sich mit meinem Erscheinen verdoppelt haben.

Abends im Hostel durfte ich noch einmal die berauschende Wirkung von Bier und dünner Höhenluft erfahren. Es braucht gar nicht viel...

 

Wenn morgen die Geier nicht fliegen, dann gibt's Alarm im Reservat!

15. Februar 2018

 

Nach einer kurzen Nacht, dank diverser schlafloser Hähne, den ewig kläffenden Kötern und der dünnen Luft hoffte ich umso mehr die Kondore heute beim Fliegen zu sehen. Immerhin hatte der Regen der letzten Nacht aufgehört und der Himmel war blau und klar. Am Horizont waren die schneebedeckten Berge der Anden zu sehen und die Morgensonne war kraftvoll. Beste Voraussetzungen für eine gute Thermik, beste Voraussetzungen für fliegende Riesenvögel.


Kurz nach acht verließ ich das Hostel und schraubte mich die umliegenden Berge hoch. Nach ein paar Kilometern entdeckte ich die parkenden Touristenbusse. Den richtigen Ort hatte ich also schon einmal gefunden.

Kaum war Katie abgestellt, schraubte sich auch schon einer der Vögel aus der Schlucht herauf. Volltreffer! Noch schnell die für Ausländer fälligen 70 Soles berappt, das war es mir wert.

In der Luft trieben sich ein Jung- und ein Altvogel herum, während die gleiche Paarung ein paar Meter tiefer auf einem Felsvorsprung Platz genommen hatte. Der Ausblick auf den Canyon und die großen Vögel war absolut beeindruckend. Innerhalb der nächsten Minuten verließen auch die beiden verbliebenen Kondore ihre Parkposition und begaben sich in die Lüfte. Majestätisch schraubten sich die Vögel in den blauen Himmel. Gerade so, als würden sie dafür bezahlt, zogen sie ihre Kreise wieder und wieder über die wartenden Touristen. Allein das zu sehen war es wert den Umweg von über 300 Kilometern in Kauf genommen zu haben. Unvorstellbar sich diese großen Segler in Vogelvolieren vorzustellen, ging es mir durch den Kopf. Nach ein paar Minuten hatte ich gesehen was ich wollte und stahl mich davon, bevor der große Ansturm auf die wartenden Busse begann.

 

Der Ausblick auf die sich auftuende Landschaft, die Kurven entlang des Canyons, es war einfach nur spektakulär und mehr als einmal musste ich meinen Blick schnell wieder auf die Straße lenken, ehe ich sie unsanft verlassen hätte. 

So ging es noch ein paar Kilometer weiter, bevor die Straße sich in immer engeren Schleifen höher und höher schraubte.  Rückblickend bin ich sehr froh auch dieses Bild von Peru mitnehmen zu können, wurde es doch bislang hauptsächlich von Dreck und Müll geprägt. 

 

Beim Erreichen der Schneegrenze merkte ich wie kalt es eigentlich war und dass nicht nur ich, sondern auch Katie mit der zunehmenden Höhe zu kämpfen hatte. Bei 4800 Metern erreichten wir den höchsten Punkt der Hochebene. Von hier an ging es immer weiter zwischen 4200 und 4600 Metern. Nicht nur der knatternde Eintopf hatte spürbar weniger Leistung. Auch ich fühlte mich abgeschlagen und nicht wirklich leistungsfähig. Immer wieder fuhr ich mehr im "Autopilotmodus". Der Wunsch diese Höhe zu verlassen, wurde immer stärker.

 

Am Abzweig nach Puno entdeckte ich zwischen Trucks und Fressbuden eine mir seltsam bekannte Gestalt. Amir schlappte dort über den erdigen Parkplatz. Wie sich herausstellte, war auch er gerade erst aus Cabanaconde hier angekommen und auf der Suche nach dem anschlussbus nach Puno. Eine herzliche Verabschiedung später stürzte ich mich in den dichter werdenden Verkehr aus LKW und Bussen. Das Überholen gestaltete sich dank der fehlenden Leistung immer wieder zäh und verlängerte den Verbleib auf der Gegenspur unangenehm. Das Plateau wollte und wollte kein Ende nehmen.

Schließlich kam der langersehnte Abstieg. 3800, 3600 Meter, immer weiter ging es runter. Der erste Ort und mit ihm der omnipräsente Müll am Straßenrand tauchten auf. Wieder einmal wurde deutlich in wie ärmlichen Verhältnissen die Menschen hier, außerhalb der großen Städte lebten. Ganze Familen saßen mitten im Unrat am Straßenrand. Was sie da trieben konnte ich im Vorbeifahren nicht erkennen. Gesund sah es nicht aus. Ihre offensichtliche Armut verursachte in mir ein Gefühl der Beklemmung.

 

Arequipas Randbezirke tauchten auf und der Verkehr wurde dichter. Dem Gewimmel folgend erreichte ich eine Schnellstraße und von dieser um drei Ecken das Hostel in einer kleinen Gasse. Hätte ich das Schild am Straßenrand nicht gesehen, ich wäre vorbeigefahren.

Katie parken, ein Zimmer im Dorm buchen und erstmal alle Viere von mir strecken, noch bevor ich vollends aus der Kombi heraus war. Mehr war heute nicht mehr zu holen.

 

Gegen Abend kam noch einmal Leben in die Unterkunft. Rucksackreisende kamen und verschwanden in der Nacht, wahrscheinlich um Nachtbusse zu erwischen und die Dunkelheit zum Reisen zu nutzen. Wieder einmal war ich froh die Individualität zu genießen, zu jeder Zeit unabhängig entscheiden zu können, ob ich bleiben oder fahren wollte. Dafür nahm ich gerne Wind, Wetter und Hitze in Kauf. Diese Reise mit Katie zu bestreiten war genau die richtige Entscheidung.

18. Februar 2018

 

Nach drei verrückten Tagen in Arequipa mit einem chilenischen Hippie im Besitz des schwärzesten Humors überhaupt, einem arg gebeutelten Tschechen als Reisebegleiter des Chilenen, einem Italiener aus Schottland, einer deutschen Wandrerin, einem Inder, der sich bestens mit Drogen aller Art auskannte, einem psychotischen Kanadier und einer abgehalfterten Kawasaki, war es Zeit mich auf den Weg zu machen. Das chilenisch-tschechische Dreamteam wollte auch weiter und der Rest der Bande war über die Tage irgendwohin verschwunden. Selbst die mehr als reichlichen Piscovorräte waren verschwunden. 

Bevor die letzten drei Vertreter der versammelten UN sich aus dem Staub machten, sollte noch einmal die Stadt unsicher gemacht werden. Sei es, um eine Kopie des Zündschlüssels zu ergaunern, noch ein Restaurant zu überfallen oder was auch immer. So ganz genau wussten wir das nicht während wir durch die Stadt stolperten. der lange Tscheche wegen seiner 36 stündigen Nahrungsabstinenz immer stärker schwankte und ich mir einmal mehr den Pelz unter der sengenden Sonne verbrannte.

 

Die letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Pisco der ersten Nacht schwappte irgendwie immer noch durchs System. Eins stand fest, das war nicht mein Getränk. 

 

Immerhin hatte ich in der Zeit in Arequipa den Pelz eines Schafes ergaunern können, von dem eine Hälfte auf meiner Sitzbank und der Rest auf der des Kanadiers landete. Davon fuhr sein Motorrad zwar kein Stück besser, aber er konnte immerhin im Falle einer weiteren Panne bequemer darauf sitzen und der Dinge harren, die da kämen. Und da kamen im Laufe der Tage immer mehr zusammen. Scheinbar verfiel das Motorrad beim Parken. Auf seine verzweifelten Fragen bekam er Antworten und Hinweise, die jedoch immer einen Haken hatten, während er mit einer unrealistischen Gegenidee aufwartete. Ich würde zu gerne wissen ob und wann er das Hostel wieder verlassen würde und ob ihn die traurig ausschauende Kawa begleitet? Das letzte Bild vom Motorrad war das eines Puzzles vor dem Hostel.

 

Zunächst stellte mich die Straßensituation in Arequipa vor die Herausforderung die Stadt überhaupt verlassen zu können. Immer wieder endete die Route in einer Baugrube. Von Kötern gejagt irrte ich umher, auf der Suche nach einem Weg aus der Stadt. Es war 14 Uhr als ich final aufbrach, tankte und einen Ausweg aus dem Labyrinth suchte. 370 Kilometer lagen bis Tacna vor mir. Eigentlich vollkommener Unsinn so spät noch so eine Strecke unter die Reifen nehmen zu wollen. Doch was sollte es. Eine weitere Nacht mit den wirren Diskussionsbeiträgen des Kanadiers und diesmal dann ohne die rigorose Ignoranz der chilenischen Kontributionen, sowie die sachlich kritischen Einwürfe aus Tschechien hätten mich wahrscheinlich auch in den gepflegten Wahnsinn getrieben. Und die beiden sattelten ihren alten Bulli, um ernsthaft das Weite zu suchen.

 

Über eine Baustelle, deren Absperrungen und Warnschilder keinen interessierten, fand ich meinen Weg auf die Hauptstraße, raus aus der Stadt. Wieder war ich froh ein kleines Motorrad unter mir zu haben. So konnte ich galant um Schutthügel und ausgeschachtete Löcher herumzirkeln.

 

Die Straße wechselte zwischen Kurven und ewig langen Geraden. Bergformationen wechselten sich mit weiter Sandwüste ab. Nach 200 Kilometern warnte wiederum meine Reservelampe zum Nachfüllen der Spritreserven. Für die letzten 170 Kilometer würde es nicht mehr reichen, soviel war sicher.  Leider war die Tankstellendichte in dieser Gegend noch geringer als das Vorhandensein von Orten. Als ich eine kleine Tanke erspähte, war mir fast egal was es dort gab, Hauptsache es würde meinen Tank füllen und brennen. So musste sich Katie mit 90 Oktanbrühe zufriedengeben und ich mich mit der Gewissheit es bis Tacna zu schaffen.

 

Während ich nach einem langen Fahrtag durch die letzten Kurven zirkelte, tauchte die Stadt vor und neben mir auf. Immer wieder verdeckt von Bergen und Sanddünen. Von Weitem sah das Lichtermehr fast schon surreal aus, inmitten dieser Sandwüste. Bevor ich den Tag im Hostel beenden würde, sollte Katie noch etwas Ordentliches zu speisen bekommen.  Entgegen meiner Hoffnung konnte ich ihre Spritfäller jedoch nur mit Super, statt 97 Oktansprit auffüllen. Es war die letzte Betankung in Peru. Morgen würde ich über die Grenze nach Chile zurückkehren.